Kapitel 37: Vierter Teil: Das Gebet — Die dritte Bitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Abschnitt 1. Der Zusammenhang dieser Bitte mit der vorhergehenden — Wer in das Himmelreich einzugehen wünscht, soll Gott bitten, dass Sein Wille geschehe. Denn Christus der Herr hat gesagt: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen. Folglich schließt sich diese Bitte unmittelbar an jene an, die um das Himmelreich fleht.
Abschnitt 2. Die Notwendigkeit dieser Bitte — Damit die Gläubigen die Notwendigkeit dieser Bitte und die zahlreichen und heilsamen Gaben erkennen, die wir durch sie erlangen, soll der Seelsorger ihre Aufmerksamkeit auf das Elend und die Erbärmlichkeit lenken, in die uns die Sünde Adams gestürzt hat.
Abschnitt 3. Die Neigung des Menschen, gegen Gottes Willen zu handeln — Von Anfang an hat Gott allen Geschöpfen ein angeborenes Verlangen eingepflanzt, ihr eigenes Glück zu erstreben, damit sie durch eine Art natürlichen Antriebs ihr eigenes Ziel suchen und begehren, von dem sie niemals abweichen, es sei denn durch ein äußeres Hindernis. Dieser Antrieb, Gott zu suchen, den Urheber und Vater seines Glücks, war anfänglich im Menschen umso edler und erhabener, weil er mit Vernunft und Urteilskraft begabt war. Während aber die vernunftlosen Geschöpfe, die bei ihrer Erschaffung von Natur aus gut waren, in jenem ursprünglichen Zustand verharrten und noch immer verharren, ging der unglückliche Mensch in die Irre und verlor nicht nur die ursprüngliche Gerechtigkeit, mit der er von Gott übernatürlich begabt und geschmückt worden war, sondern verdunkelte auch jene einzigartige Neigung zur Tugend, die seiner Seele eingepflanzt war. Alle, so spricht er, sind abgewichen, allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht ein Einziger. Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Daher ist es nicht schwer einzusehen, dass von sich aus kein Mensch weise ist zum Heil, dass alle zum Bösen geneigt sind und dass der Mensch unzählige verdorbene Neigungen hat, da er abwärts strebt und mit brennender Heftigkeit zu Zorn, Hass, Stolz, Ehrgeiz und zu beinahe jeder Art von Übel hingerissen wird.
Abschnitt 4. Die Blindheit des Menschen gegenüber dem Willen Gottes — Obwohl der Mensch beständig von diesen Übeln bedrängt wird, besteht sein größtes Elend darin, dass ihm viele davon gar nicht als Übel erscheinen. Es ist ein Beweis des beklagenswertesten Zustandes des Menschen, dass er so von Leidenschaft und Begierde verblendet ist, dass er nicht sieht, wie das, was er für heilsam hält, in der Regel ein tödliches Gift enthält; dass er sich blindlings auf jene verderblichen Übel stürzt, als seien sie gut und begehrenswert, während die Dinge, die wirklich gut und tugendhaft sind, als das Gegenteil gemieden werden. Von dieser falschen Einschätzung und dem verdorbenen Urteil des Menschen drückt Gott seinen Abscheu folgendermaßen aus: Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis für Licht und Licht für Finsternis ausgeben, die Bitteres für süß und Süßes für bitter erklären.
Abschnitt 5. Um daher das Elend unseres Zustandes in lebhaften Farben zu schildern, vergleicht uns die Heilige Schrift mit jenen, die ihren Geschmackssinn verloren haben und die deshalb gesunde Speise verabscheuen und die ungesunde vorziehen.
Abschnitt 6. Die Schwäche des Menschen bei der Erfüllung von Gottes Willen — Sie vergleicht uns auch mit Kranken, die, solange ihr Leiden andauert, unfähig sind, die Pflichten und Aufgaben zu erfüllen, die gesunden und kräftigen Menschen zukommen. In gleicher Weise können auch wir ohne den Beistand der göttlichen Gnade keine Werke vollbringen, die vor Gott wohlgefällig sind. Selbst wenn es uns in diesem Zustand gelingt, etwas Gutes zu tun, wird es wenig oder gar nichts zur Erlangung der himmlischen Seligkeit nützen. Gott aber so zu lieben und Ihm so zu dienen, wie wir es sollen, ist etwas zu Edles und zu Erhabenes, als dass wir es in unserem gegenwärtigen niedrigen und schwachen Zustand durch menschliche Kräfte allein vollbringen könnten, wenn uns nicht die Gnade Gottes beisteht.
Abschnitt 7. Ein weiterer sehr treffender Vergleich, um den elenden Zustand der Menschheit zu bezeichnen, ist jener, in dem wir mit Kindern verglichen werden, die, wenn sie sich selbst überlassen bleiben, gedankenlos von allem angezogen werden, was sich ihnen darbietet. Wahrhaftig, wir sind Kinder, gedankenlose Kinder, ganz eitlen Gesprächen und nichtigen Handlungen ergeben, sobald wir des göttlichen Beistandes entbehren; daher der Tadel, den die göttliche Weisheit gegen uns richtet: O ihr Kinder, wie lange wollt ihr die Kindheit lieben, und die Toren nach dem trachten, was ihnen selbst zum Schaden gereicht? Der Apostel aber ermahnt uns so: Werdet nicht Kinder am Verstand.
Abschnitt 8. Nicht nur dies, sondern unsere Torheit und Blindheit sind sogar größer als die der Kinder; denn ihnen fehlt lediglich die menschliche Klugheit, die sie mit der Zeit von selbst erwerben können; wohingegen wir, wenn uns Gottes Hilfe und Gnade nicht beistehen, niemals zu jener göttlichen Klugheit emporstreben können, die zum Heil so notwendig ist. Und sollte uns der Beistand Gottes fehlen, so werfen wir sogleich das wahrhaft Gute beiseite und stürzen uns kopfüber ins freiwillige Verderben.
Abschnitt 9. Das Heilmittel gegen diese Übel — Wenn aber mit Gottes Hilfe diese Finsternis des Geistes behoben würde; wenn wir unser Elend erkennten; wenn wir, unsere Gefühllosigkeit abschüttelnd, das Vorhandensein des Gesetzes der Glieder wahrnähmen und den Kampf der Sinne gegen das Gesetz des Geistes erkennten; und wenn wir uns jeder Neigung unserer Natur zum Bösen bewusst würden — wie könnten wir dann unterlassen, mit ernstem Eifer ein geeignetes Heilmittel für die großen Übel zu suchen, von denen unsere Natur bedrängt wird, und wie könnten wir unterlassen, nach jener heilsamen Richtschnur zu verlangen, nach der das Leben eines jeden Christen geformt und geleitet werden soll?
Abschnitt 10. Eben dies ist es, worum wir bitten, wenn wir an Gott die Worte richten: Dein Wille geschehe. Wir sind in diesen Zustand des Elends geraten, weil wir den göttlichen Willen missachtet und verachtet haben. Gott geruht, uns als einziges Heilmittel gegen so große Übel die Gleichförmigkeit mit Seinem Willen vorzulegen, den wir durch die Sünde verachtet haben; Er gebietet uns, alle unsere Gedanken und Handlungen nach diesem Maßstab zu richten. Und eben um Seine Hilfe, dies zu vollbringen, bitten wir, wenn wir demütig das Gebet an Gott richten: Dein Wille geschehe.
Abschnitt 11. Die Leidenschaften des Menschen widersetzen sich dem Willen Gottes — Dasselbe soll auch das inbrünstige Gebet jener sein, in deren Seelen Gott bereits herrscht, die bereits vom göttlichen Licht erleuchtet worden sind, das sie befähigt, dem Willen Gottes zu gehorchen. Obwohl so vorbereitet, müssen sie dennoch gegen ihre eigenen Leidenschaften kämpfen wegen der Neigung zum Bösen, die im sinnlichen Begehren des Menschen verwurzelt ist. Daher sind wir, auch wenn wir zu den Gerechten gehören, durch unsere eigene Schwachheit immer noch großer Gefahr ausgesetzt und sollten stets fürchten, dass wir, von unseren Begierden, die in unseren Gliedern streiten, verlockt und abgezogen, wieder vom Weg des Heils abirren. Von dieser Gefahr mahnt uns Christus der Herr mit diesen Worten: Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt; der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.
Abschnitt 12. Es steht nicht in der Macht des Menschen, auch nicht desjenigen, der durch die Gnade Gottes gerechtfertigt worden ist, die ungeordneten Begierden des Fleisches in einen solchen Zustand völliger Unterwerfung zu bringen, dass sie sich niemals wieder auflehnen. Durch die rechtfertigende Gnade heilt Gott zwar die Wunden der Seele; aber nicht auch jene des Fleisches, über die der Apostel schrieb: Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.
Abschnitt 13. In dem Augenblick, da der erste Mensch die ursprüngliche Gerechtigkeit verlor, die ihn befähigte, die Leidenschaften zu zügeln, war die Vernunft nicht mehr imstande, sie innerhalb der Grenzen der Pflicht zu halten oder jene ungeordneten Begierden zu unterdrücken, die der Vernunft widerstreiten. Deshalb sagt uns der Apostel, dass die Sünde, das heißt der Anreiz zur Sünde, im Fleisch wohnt, und gibt uns damit zu verstehen, dass sie nicht nur einen vorübergehenden Aufenthalt bei uns nimmt wie ein flüchtiger Gast, sondern dass sie, solange wir leben, in unseren Gliedern als ständiger Bewohner des Leibes verweilt.
Abschnitt 14. Da wir beständig von unseren häuslichen und inneren Feinden bedrängt werden, ist es für uns leicht einzusehen, dass wir zur Hilfe Gottes fliehen und Ihn bitten müssen, dass Sein Wille in uns geschehe.
Abschnitt 15. „Dein Wille" — Obwohl die Gläubigen nicht in Unkenntnis über die Bedeutung dieser Bitte gelassen werden sollen, können doch in diesem Zusammenhang viele Fragen bezüglich des Willens Gottes übergangen werden, die von den scholastischen Lehrern ausführlich und mit großem Nutzen erörtert werden. Wir begnügen uns demnach mit der Feststellung, dass unter dem Willen Gottes hier jener Wille verstanden wird, der gemeinhin der Wille des Zeichens genannt wird; das heißt alles, was Gott uns zu tun oder zu meiden geboten oder angeraten hat.
Abschnitt 16. Daher sind unter dem Wort Wille hier alle Dinge zusammengefasst, die uns als Mittel zur Erlangung der himmlischen Seligkeit vorgelegt worden sind, seien sie den Glauben betreffend oder die Sitten, kurz alles, was Christus der Herr geboten oder verboten hat, sei es unmittelbar oder durch Seine Kirche. Von diesem Willen schreibt der Apostel also: Werdet nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille Gottes ist.
Abschnitt 17. Wir bitten, dass wir erfüllen, was Gott von uns verlangt — Wenn wir also beten: Dein Wille geschehe, bitten wir zunächst unseren himmlischen Vater, uns die Kraft zu geben, Seine Gebote zu befolgen und Ihm in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu dienen alle unsere Tage; alles nach Seinem Willen und Wohlgefallen zu tun; alle Pflichten zu erfüllen, die uns in der Heiligen Schrift vorgeschrieben sind; unter Seiner Führung und mit Seinem Beistand all das zu vollbringen, was denen geziemt, die nicht aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren sind, und so dem Beispiel Christi des Herrn zu folgen, der gehorsam geworden ist bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz; schließlich, bereit zu sein, alles zu ertragen, anstatt von Seinem heiligen Willen auch nur im Geringsten abzuweichen.
Abschnitt 18. Gewiss brennt niemand vor heißerem Verlangen und größerer Sehnsucht, die Wirkung dieser Bitte zu erlangen, als jener, der so begnadet worden ist, die erhabene Würde des Gehorsams gegen Gott zu verstehen. Denn ein solcher begreift gründlich, wie wahr es ist zu sagen, dass Gott dienen und Ihm gehorchen gleichbedeutend ist mit Herrschen. Wer immer, spricht der Herr, den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter — das heißt, ihm bin ich durch die engsten Bande des Wohlwollens und der Liebe verbunden.
Abschnitt 19. Die Heiligen haben fast ohne Ausnahme nicht unterlassen, die hauptsächliche Gabe, die diese Bitte bezweckt, zum Gegenstand ihrer inbrünstigen Gebete zu Gott zu machen. Alle haben in der Tat im Wesentlichen dieses bewundernswerte Gebet gesprochen, wenngleich nicht selten in verschiedenen Worten. David, dessen Gesänge so wunderbare Innigkeit atmen, ergießt dasselbe Gebet in mannigfachen Anrufungen: O dass meine Wege darauf gerichtet wären, deine Satzungen zu halten; Führe mich auf dem Pfad deiner Gebote; Lenke meine Schritte nach deinem Wort, und lass kein Unrecht über mich herrschen. Im gleichen Geiste spricht er: Gib mir Verstand, und ich werde deine Gebote lernen; Lehre mich deine Urteile; Gib mir Einsicht, dass ich deine Zeugnisse erkenne. Oft drückt er denselben Gedanken auch mit anderen Worten aus und wiederholt ihn. Diese Stellen sollen den Gläubigen sorgfältig erklärt werden, damit alle die Größe und Fülle der heilsamen Gaben erkennen und verstehen, die im ersten Teil dieser Bitte enthalten sind.
Abschnitt 20. Wir bitten, dass wir unseren ungeordneten Begierden nicht nachgeben — Zweitens drücken wir, wenn wir sagen: Dein Wille geschehe, unseren Abscheu vor den Werken des Fleisches aus, über die der Apostel schreibt: Die Werke des Fleisches sind offenbar, nämlich Unzucht, Unreinheit, Schamlosigkeit, Wollust und dergleichen; wenn ihr nach dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben. Wir bitten Gott auch, uns nicht den Eingebungen der sinnlichen Begierden, unserer Lüste und Schwächen nachgeben zu lassen, sondern unseren Willen durch Seinen Willen zu lenken.
Abschnitt 21. Der Genussmensch, dessen ganzes Denken und Sorgen von den vergänglichen Dingen dieser Welt aufgesogen wird, ist dem Willen Gottes entfremdet. Vom Strom der Leidenschaft fortgerissen, frönt er seinen ausschweifenden Begierden. In dieser Befriedigung setzt er sein ganzes Glück und hält jenen Menschen für glücklich, der alles erlangt, was er begehrt. Wir hingegen bitten Gott in der Sprache des Apostels, dass wir nicht für das Fleisch sorgen nach seinen Begierden, sondern dass Sein Wille geschehe.
Abschnitt 22. Wir sind nicht leicht geneigt, Gott zu bitten, unsere ungeordneten Begierden nicht zu erfüllen. Diese Gesinnung der Seele ist schwer zu erlangen, und indem wir ein solches Gebet sprechen, scheinen wir uns gewissermaßen selbst zu hassen. Denen, die Sklaven des Fleisches sind, erscheint ein solches Verhalten als Torheit; aber es sei unser Teil, den Vorwurf der Torheit um Christi willen freudig auf uns zu nehmen, der gesagt hat: Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst. Dies gilt besonders, da wir wissen, dass es viel besser ist, das Rechte und Gerechte zu begehren, als das zu erlangen, was der Vernunft und der Religion und den Gesetzen Gottes entgegensteht. Zweifellos ist der Zustand desjenigen, der die Erfüllung seiner unbesonnenen und ungeordneten Begierden erlangt, weniger beneidenswert als der Zustand dessen, der das Ziel seiner frommen Gebete nicht erreicht.
Abschnitt 23. Wir bitten, dass unsere irrtümlichen Bitten nicht erhört werden — Unsere Gebete haben jedoch nicht allein den Zweck, dass Gott uns das verweigere, was unseren Wünschen entspricht, wenn es offenkundig ist, dass sie verderbt sind; sondern auch, dass Er uns jene Dinge nicht gewähre, um die wir manchmal unter dem Antrieb und der Einflüsterung des Teufels, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt, bitten, weil wir sie für gut halten.
Abschnitt 24. Das Bestreben des Apostelfürsten, den Herrn von Seinem Entschluss, dem Tod entgegenzugehen, abzubringen, erschien nicht weniger vernünftig als fromm; dennoch tadelte ihn der Herr streng, weil er nicht von übernatürlichen Beweggründen, sondern von natürlichem Empfinden geleitet wurde.
Abschnitt 25. Welch stärkeren Beweis der Liebe zum Herrn als jenen, den die Bitte des heiligen Jakobus und des heiligen Johannes zeigte, die, von Entrüstung gegen die Samariter erfüllt, weil diese ihren Meister nicht aufnehmen wollten, Ihn baten, Feuer vom Himmel herabkommen und jene hartherzigen und unmenschlichen Leute verzehren zu lassen? Und doch wurden sie von Christus dem Herrn mit diesen Worten zurechtgewiesen: Ihr wisst nicht, welches Geistes ihr seid; der Menschensohn ist nicht gekommen, Seelen zu verderben, sondern zu retten.
Abschnitt 26. Wir bitten, dass auch unsere guten Bitten nur gewährt werden, wenn sie dem Willen Gottes entsprechen — Wir sollen Gott nicht nur dann bitten, dass Sein Wille geschehe, wenn unsere Wünsche falsch sind oder den Anschein des Falschen haben. Wir sollen dies auch dann erbitten, wenn der Gegenstand unseres Verlangens nicht wirklich böse ist, wie wenn der Wille, seinem natürlichen Antrieb folgend, das für unsere Erhaltung Notwendige begehrt und das zurückweist, was ihm entgegengesetzt scheint. Wenn wir im Begriff sind, um solche Dinge zu beten, sollen wir von Herzen sagen: Dein Wille geschehe, nach dem Beispiel dessen, von dem wir das Heil und die Wissenschaft des Heils empfangen, der, als Er von einem natürlichen Grauen vor den Qualen und einem grausamen Tod erschüttert war, sich in jenem Schrecken höchsten Leids in demütiger Ergebung dem Willen Seines himmlischen Vaters beugte: Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.
Abschnitt 27. Wir bitten, dass Gott in uns vollende, was Seine Gnade begonnen hat — Aber so entartet ist unsere Natur, dass wir, selbst wenn wir unseren Leidenschaften Gewalt angetan und sie dem Willen Gottes unterworfen haben, die Sünde nicht ohne Seinen Beistand meiden können, durch den wir vor dem Bösen beschützt und auf dem Weg des Guten geleitet werden. Wir müssen daher zu dieser Bitte unsere Zuflucht nehmen und Gott anflehen, in uns jene Dinge zu vollenden, die Er begonnen hat; die stürmischen Regungen der Leidenschaft zu unterdrücken; unsere sinnlichen Begierden der Vernunft zu unterwerfen; kurz, uns Seinem heiligen Willen gänzlich gleichförmig zu machen.
Abschnitt 28. Wir bitten, dass alle den Willen Gottes erkennen — Wir beten, dass die ganze Welt die Erkenntnis des Willens Gottes empfange, dass das Geheimnis Gottes, das seit allen Zeiten und Geschlechtern verborgen war, allen offenbar werde.
Abschnitt 29. „Wie im Himmel so auf Erden" — Wir beten auch um den Maßstab und das Vorbild dieses Gehorsams, dass nämlich unsere Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes nach der Richtschnur geregelt werde, die im Himmel von den seligen Engeln und den Chören der himmlischen Geister befolgt wird, damit wir, so wie sie bereitwillig und mit höchster Freude Gott gehorchen, auch wir Seinem Willen einen freudigen Gehorsam in der Ihm wohlgefälligsten Weise leisten.
Abschnitt 30. Gott verlangt, dass wir bei Seinem Dienst von der größten Liebe und der erhabensten Nächstenliebe beseelt sind; dass wir, obgleich wir uns Ihm ganz hingeben in der Hoffnung, den Himmel als Lohn zu empfangen, der Grund, warum wir diesen Lohn erhoffen, darin bestehe, dass die göttliche Majestät uns geboten hat, diese Hoffnung zu hegen. Mögen daher alle unsere Hoffnungen auf der Liebe zu Gott gegründet sein, der verheißt, unsere Liebe mit ewiger Seligkeit zu belohnen.
Abschnitt 31. Es gibt manche, die einem anderen mit Liebe dienen, aber dies einzig in der Absicht auf eine Belohnung tun, die das Ziel und der Zweck ihrer Liebe ist; andere hingegen, allein von Liebe und Treue bewogen, achten bei den Diensten, die sie leisten, auf nichts anderes als die Güte und den Wert dessen, dem sie dienen, und in der Erkenntnis und Bewunderung seiner Eigenschaften halten sie sich für glücklich, ihm diese Dienste erweisen zu können. Dies ist der Sinn des Zusatzes, der dieser Bitte angefügt ist: Wie im Himmel so auf Erden.
Abschnitt 32. Es ist also unsere Pflicht, nach besten Kräften bestrebt zu sein, Gott gehorsam zu sein, so wie es, nach unseren Worten, die seligen Geister sind, deren tiefen Gehorsam David im Psalm preist, in dem er singt: Preiset den Herrn, all seine Heerscharen, ihr seine Diener, die ihr seinen Willen tut.
Abschnitt 33. Sollte jemand, der Auslegung des heiligen Cyprian folgend, die Worte im Himmel im Sinne von in den Guten und Frommen verstehen und die Worte auf Erden im Sinne von in den Bösen und Gottlosen, so missbilligen wir diese Deutung nicht, indem wir unter dem Wort Himmel den Geist und unter dem Wort Erde das Fleisch verstehen, damit jede Person und jedes Geschöpf in allen Dingen dem Willen Gottes gehorche.
Abschnitt 34. Diese Bitte enthält einen Akt der Danksagung — Diese Bitte umfasst auch die Danksagung. Wir verehren den heiligsten Willen Gottes und feiern in Freudentransport alle Seine Werke mit höchstem Lob und höchster Anerkennung, in der Gewissheit, dass Er alles wohl gemacht hat. Es ist gewiss, dass Gott allmächtig ist; und die Folgerung drängt sich dem Geist notwendig auf, dass alle Dinge auf Sein Geheiß erschaffen wurden. Wir bekennen auch die Wahrheit, dass Er das höchste Gut ist. Wir müssen daher bekennen, dass alle Seine Werke gut sind, denn allen hat Er Seine eigene Güte mitgeteilt. Wenn wir aber in allem den göttlichen Plan nicht ergründen können, so lasst uns in allen Dingen jeden Zweifel und jedes Zögern aus dem Geist verbannen und mit dem Apostel erklären, dass Seine Wege unerforschlich sind.
Abschnitt 35. Der mächtigste Antrieb aber, den Willen Gottes zu verehren, ist, dass Er geruht hat, uns durch Sein himmlisches Licht zu erleuchten; denn Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und uns in das Reich des Sohnes Seiner Liebe versetzt.
Abschnitt 36. Ein Bewusstsein unserer eigenen Willensschwäche — Um unsere Darlegung dieser Bitte abzuschließen, müssen wir auf einen Gegenstand zurückkommen, den wir am Anfang gestreift haben. Es geht darum, dass die Gläubigen bei der Aussprache dieser Bitte demütig und bescheiden im Geiste sein sollen: die Heftigkeit ihrer angeborenen Leidenschaften im Auge behaltend, die sich gegen den Willen Gottes auflehnen; bedenkend, dass in dieser Pflicht des Gehorsams der Mensch von allen anderen Geschöpfen übertroffen wird, von denen geschrieben steht: Alle Dinge dienen dir; und erwägend, dass derjenige, der ohne göttliche Hilfe nichts vor Gott Wohlgefälliges unternehmen, geschweige denn vollbringen kann, wahrhaftig sehr schwach sein muss.
Abschnitt 37. Wertschätzung der Würde, Gottes Willen zu tun — Doch da es, wie wir schon gesagt haben, nichts Größeres, nichts Erhabeneres gibt, als Gott zu dienen und in Gehorsam gegenüber Seinem Gesetz und Seinen Geboten zu leben, was könnte einem Christen wünschenswerter sein, als auf den Wegen des Herrn zu wandeln, nichts zu denken, nichts zu unternehmen, was Seinem Willen zuwiderläuft? Damit die Gläubigen diese Lebensregel annehmen und ihr mit größerer Treue anhangen, soll der Seelsorger der Heiligen Schrift Beispiele von Personen entnehmen, die, weil sie ihre Absichten nicht auf den Willen Gottes ausrichteten, in all ihren Unternehmungen gescheitert sind.
Abschnitt 38. Ergebung in Gottes Willen — Schließlich sind die Gläubigen zu ermahnen, sich in den einfachen und unbedingten Willen Gottes zu fügen. Wer meint, dass er in der Gesellschaft einen Platz einnimmt, der unter dem liegt, was er verdient, trage sein Los mit geduldiger Ergebung; er soll seinen Wirkungskreis nicht verlassen, sondern in der Berufung bleiben, zu der er berufen worden ist. Er unterwerfe sein eigenes Urteil dem Willen Gottes, der besser für unsere Belange sorgt, als wir es uns selbst auch nur wünschen können. Wenn wir von Armut, Krankheit, Verfolgung oder Bedrängnissen und Ängsten jeglicher Art heimgesucht werden, so lasst uns überzeugt sein, dass nichts davon uns ohne die Zulassung Gottes widerfahren kann, der der höchste Lenker aller Dinge ist. Wir sollen daher nicht zulassen, dass unser Gemüt allzu sehr dadurch beunruhigt wird, sondern ihnen mit Standhaftigkeit begegnen und stets die Worte auf den Lippen haben: Der Wille des Herrn geschehe; und ebenso jene des heiligen Job: Wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gepriesen.