Römischer Katechismus — Kapitel 9: Erster Teil: Das Glaubensbekenntnis — Artikel VII: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten

Kapitel 9: Erster Teil: Das Glaubensbekenntnis — Artikel VII: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten

Abschnitt 1. Bedeutung dieses Artikels — Zur Ehre und Zierde Seiner Kirche ist Jesus Christus mit drei hervorragenden Ämtern und Aufgaben bekleidet: denen des Erlösers, des Mittlers und des Richters. Da in den vorhergehenden Artikeln gezeigt wurde, dass das Menschengeschlecht durch Sein Leiden und Seinen Tod erlöst wurde, und da durch Seine Himmelfahrt in den Himmel offenbar ist, dass Er die beständige Fürsprache und den Schutz unserer Sache übernommen hat, bleibt übrig, dass wir in diesem Artikel Seine Eigenschaft als Richter darlegen. Absicht und Zweck des Artikels ist es zu erklären, dass Christus der Herr am Letzten Tage das gesamte Menschengeschlecht richten wird.

Abschnitt 2. „Von dort wird Er kommen“ — Die Heiligen Schriften belehren uns, dass es zwei Ankommen des Sohnes Gottes gibt: das eine, als Er im Schoße einer Jungfrau menschliches Fleisch zu unserem Heil annahm; das andere, wenn Er am Ende der Welt kommen wird, um die gesamte Menschheit zu richten. Dieses letztere Kommen wird in der Schrift der Tag des Herrn genannt. Der Tag des Herrn, sagt der Apostel, wird kommen wie ein Dieb in der Nacht; und unser Herr selbst sagt: Den Tag aber und die Stunde kennt niemand.

Abschnitt 3. „Zu richten die Lebenden und die Toten“ — Zum Beweis des letzten Gerichts genügt es, die Autorität des Apostels anzuführen: Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit ein jeder empfange, was er durch den Leib gewirkt hat, es sei gut oder böse. Es gibt zahlreiche Stellen der Heiligen Schrift, die der Seelsorger an verschiedenen Orten finden wird und die nicht nur die Wahrheit dieses Glaubenssatzes bekräftigen, sondern ihn auch in lebhaften Farben den Augen der Gläubigen vor Augen stellen. Und wenn seit Anfang der Welt jener Tag des Herrn, an dem Er mit unserem Fleisch bekleidet wurde, von allen als Grundlage ihrer Hoffnung auf Befreiung ersehnt wurde, so sollten auch wir nach dem Tod und der Himmelfahrt des Sohnes Gottes jenen anderen Tag des Herrn zum Gegenstand unseres eifrigsten Verlangens machen, indem wir die selige Hoffnung und das Kommen der Herrlichkeit des großen Gottes erwarten.

Abschnitt 4. Zwei Gerichte — Bei der Erklärung dieses Gegenstandes sollte der Seelsorger zwei verschiedene Gelegenheiten unterscheiden, bei denen ein jeder vor dem Angesicht des Herrn erscheinen muss, um Rechenschaft abzulegen über alle seine Gedanken, Worte und Taten und sogleich das Urteil von seinem Richter zu empfangen.

Abschnitt 5. Die erste findet statt, wenn jeder von uns dieses Leben verlässt; denn dann wird er sogleich vor den Richterstuhl Gottes gestellt, wo alles, was er je während seines Lebens getan, gesprochen oder gedacht hat, der strengsten Prüfung unterzogen wird. Dies wird das besondere Gericht genannt.

Abschnitt 6. Das zweite findet statt, wenn an demselben Tage und an demselben Orte alle Menschen zusammen vor dem Tribunal ihres Richters stehen werden, damit in Gegenwart und im Gehör aller Menschen aller Zeiten ein jeder sein endgültiges Schicksal und Urteil erfahre. Die Verkündigung dieses Urteils wird keinen geringen Teil der Strafe und Züchtigung der Gottlosen ausmachen; während die Guten und Gerechten großen Lohn und Trost daraus schöpfen werden, dass dann offenbar wird, was jeder Einzelne im Leben gewesen ist. Dies wird das Allgemeine Gericht genannt.

Abschnitt 7. Gründe für das Allgemeine Gericht — Es ist notwendig aufzuzeigen, warum außer dem besonderen Gericht über jeden Einzelnen auch ein allgemeines Gericht über alle Menschen ergehen soll.

Abschnitt 8. Diejenigen, die dieses Leben verlassen, hinterlassen bisweilen Kinder, die ihr Verhalten nachahmen, Anhänger, Gefolgsleute und andere, die ihr Beispiel, ihre Reden und Taten bewundern und vertreten. Nun muss durch alle diese Umstände der Lohn oder die Strafe der Verstorbenen notwendig vermehrt werden, da der gute oder schlechte Einfluss des Beispiels, der ja das Verhalten vieler beeinflusst, erst mit dem Ende der Welt aufhören soll. Die Gerechtigkeit verlangt, dass für eine angemessene Beurteilung aller dieser guten oder schlechten Taten und Worte eine gründliche Untersuchung vorgenommen werde. Dies aber könnte nicht geschehen ohne ein allgemeines Gericht über alle Menschen.

Abschnitt 9. Darüber hinaus leidet der Ruf der Tugendhaften häufig unter Verleumdung, während der Charakter der Gottlosen das Lob der Tugend erhält; die Gerechtigkeit Gottes verlangt daher, dass erstere in der öffentlichen Versammlung und im Gericht aller Menschen den guten Ruf wiedererlangen, dessen sie vor den Menschen zu Unrecht beraubt worden waren.

Abschnitt 10. Ferner vollbrachten die Gerechten und die Gottlosen ihre guten und bösen Taten in diesem Leben nicht ohne die Mitwirkung des Leibes; daraus folgt notwendigerweise, dass diese Taten auch dem Leib als ihrem Werkzeug angehören. Es war daher durchaus angemessen, dass der Leib mit der Seele den gebührenden Lohn ewiger Herrlichkeit oder Strafe teile. Dies aber kann nur durch eine allgemeine Auferstehung und ein allgemeines Gericht geschehen.

Abschnitt 11. Ferner ist es wichtig zu beweisen, dass in Glück und Unglück, die bisweilen unterschiedslos das Los der Guten und der Bösen sind, alles von einer allweisen und allgerechten Vorsehung getan und geordnet wird. Es war daher notwendig, dass nicht nur im zukünftigen Leben Lohn für die Gerechten und Strafen für die Gottlosen bereitstehen, sondern dass sie durch ein öffentliches und allgemeines Gericht zugesprochen werden. So werden sie allen besser bekannt und offenkundiger gemacht werden; und zur Sühne für das unbegründete Murren, dem sogar die Heiligen selbst als Menschen bisweilen Ausdruck verliehen, wenn sie sahen, wie die Gottlosen an Reichtum Überfluss hatten und in Ehren glänzten, wird ein Loblied auf die Gerechtigkeit und Vorsehung Gottes von allen dargebracht werden. Beinahe wären meine Füße gestrauchelt, sagt der Prophet, fast wären meine Schritte geglitten, denn ich ereiferte mich über die Frevler, als ich das Glück der Sünder sah; und wenig später: Siehe, das sind Sünder, und dennoch, in der Welt im Überfluss lebend, haben sie Reichtum erlangt; und ich sprach: So habe ich umsonst mein Herz rein gehalten und meine Hände in Unschuld gewaschen; und ich bin den ganzen Tag geschlagen worden, und meine Züchtigung kam jeden Morgen. Dies war die häufige Klage vieler, und daher ist ein allgemeines Gericht notwendig, damit die Menschen nicht etwa versucht werden zu sagen, dass Gott an den Polen des Himmels wandelt und sich nicht um die Erde kümmert.

Abschnitt 12. Diese Wahrheit ist mit Recht zu einem Artikel des Glaubensbekenntnisses gemacht worden — Weislich ist daher diese Wahrheit zu einem der zwölf Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses gemacht worden, damit, falls jemand im Geiste über die Vorsehung und Gerechtigkeit Gottes zu wanken beginnen sollte, er durch diese Lehre ermutigt werde.

Abschnitt 13. Außerdem war es recht, dass die Gerechten durch die Hoffnung ermutigt und die Gottlosen durch den Schrecken eines zukünftigen Gerichts erschreckt würden; damit die ersteren, die Gerechtigkeit Gottes kennend, nicht verzagen, während die letzteren durch Furcht und Erwartung ewiger Strafe von den Wegen des Lasters zurückgerufen werden. Deshalb erklärt unser Herr und Erlöser, über den Letzten Tag sprechend, dass ein allgemeines Gericht eines Tages stattfinden werde, und Er beschreibt die Zeichen seiner Annäherung, damit wir, wenn wir sie sehen, erkennen, dass das Ende der Welt nahe ist. Bei Seiner Himmelfahrt auch, um Seine Apostel zu trösten, die von Trauer über Sein Scheiden überwältigt waren, sandte Er Engel, die zu ihnen sprachen: Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr Ihn in den Himmel habt auffahren sehen.

Abschnitt 14. Der Richter — Dass das Gericht über die Welt Christus dem Herrn übertragen worden ist, nicht nur als Gott, sondern auch als Mensch, wird in der Heiligen Schrift erklärt. Obwohl die Macht zu richten allen Personen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gemeinsam ist, so wird sie doch in besonderer Weise dem Sohn zugeschrieben, weil Ihm auch in besonderer Weise die Weisheit zugeschrieben wird. Dass Er aber als Mensch die Welt richten wird, lehrt unser Herr selbst, wenn Er sagt: Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat Er auch dem Sohn gegeben, das Leben in sich selbst zu haben; und Er hat Ihm Macht gegeben, Gericht zu halten, weil Er der Menschensohn ist.

Abschnitt 15. Es hat eine besondere Angemessenheit, dass Christus der Herr zu Gericht sitzt; denn das Urteil soll über die Menschheit gesprochen werden, und sie werden so befähigt, ihren Richter mit ihren Augen zu sehen und Ihn mit ihren Ohren zu hören und so ihr Urteil durch die Vermittlung der Sinne zu erfahren.

Abschnitt 16. Höchst gerecht ist es auch, dass Er, der durch das Urteil der Menschen aufs ungerechteste verurteilt wurde, selbst danach von allen Menschen gesehen werde, wie Er zu Gericht über alle sitzt. Daher fügte der Fürst der Apostel, als er im Hause des Kornelius die wichtigsten Glaubenssätze des Christentums dargelegt und gelehrt hatte, dass Christus ans Kreuz geschlagen und von den Juden getötet wurde und am dritten Tage zum Leben auferstand, hinzu: Und Er hat uns geboten, dem Volke zu predigen und zu bezeugen, dass Er es ist, der von Gott bestellt ist zum Richter der Lebenden und der Toten.

Abschnitt 17. Zeichen des Allgemeinen Gerichts — Die Heiligen Schriften belehren uns, dass dem Allgemeinen Gericht diese drei hauptsächlichen Zeichen vorausgehen werden: die Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt, ein Abfall vom Glauben und das Kommen des Antichrist. Dieses Evangelium des Reiches, sagt unser Herr, wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Der Apostel mahnt uns auch, dass wir uns von niemandem verführen lassen, als ob der Tag des Herrn bevorstehe; denn wenn nicht zuerst der Abfall kommt und der Mensch der Sünde geoffenbart wird, wird das Gericht nicht kommen.

Abschnitt 18. Das Urteil über die Gerechten — Die Form und den Verlauf dieses Gerichts wird der Seelsorger leicht aus den Prophezeiungen Daniels, den Schriften der Evangelisten und der Lehre des Apostels erfahren. Das Urteil, das vom Richter gesprochen werden soll, verdient hier mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit.

Abschnitt 19. Mit freudigem Angesicht auf die Gerechten blickend, die zu Seiner Rechten stehen, wird Christus unser Erlöser mit größter Güte das Urteil über sie sprechen mit diesen Worten: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt. Dass nichts dem Ohr Erfreulicheres erdacht werden kann als diese Worte, werden wir verstehen, wenn wir sie nur mit der Verurteilung der Gottlosen vergleichen und uns ins Gedächtnis rufen, dass die Gerechten durch sie von der Mühsal zur Ruhe, vom Tal der Tränen zur höchsten Freude, vom Elend zur ewigen Seligkeit eingeladen werden, als Lohn ihrer Werke der Nächstenliebe.

Abschnitt 20. Das Urteil über die Gottlosen — Sich sodann denen zuwendend, die zu Seiner Linken stehen werden, wird Er Seine Gerechtigkeit über sie ausgießen mit diesen Worten: Weicht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.

Abschnitt 21. Die ersten Worte, weicht von mir, drücken die schwerste Strafe aus, mit der die Gottlosen heimgesucht werden: ihre ewige Verbannung vom Angesicht Gottes, ohne den Trost auch nur einer Hoffnung, ein so großes Gut jemals wiederzuerlangen. Diese Strafe wird von den Theologen die Strafe des Verlustes genannt, weil die Gottlosen in der Hölle für immer des Lichtes der Anschauung Gottes beraubt sein werden.

Abschnitt 22. Die Worte ihr Verfluchten, die folgen, vermehren unsagbar ihren elenden und jämmerlichen Zustand. Wenn sie, aus der göttlichen Gegenwart verbannt, dennoch für würdig erachtet würden, irgendeinen Segen zu empfangen, wäre dies für sie eine große Quelle des Trostes. Da sie aber nichts dergleichen als Linderung ihres Elends erwarten können, verfolgt sie die göttliche Gerechtigkeit verdientermaßen mit jeder Art von Fluch, sobald sie verbannt worden sind.

Abschnitt 23. Die nächsten Worte, in das ewige Feuer, drücken eine andere Art der Strafe aus, die von den Theologen die Strafe der Sinne genannt wird, weil sie, gleich Peitschenhieben, Schlägen oder anderen schwereren Züchtigungen, unter denen das Feuer zweifellos den heftigsten Schmerz erzeugt, durch die Sinnesorgane empfunden wird. Wenn wir zudem bedenken, dass diese Qual ewig währen soll, können wir sogleich erkennen, dass die Strafe der Verdammten jede Art von Leiden einschließt.

Abschnitt 24. Die abschließenden Worte, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, machen dies noch deutlicher. Denn da die Natur es so eingerichtet hat, dass wir Leiden weniger empfinden, wenn wir Gefährten und Leidensgenossen haben, die uns wenigstens in gewissem Maße durch ihren Rat und ihre Güte beistehen können, wie schrecklich muss der Zustand der Verdammten sein, die sich in solchem Unglück niemals von der Gesellschaft der verruchtesten Dämonen trennen können! Und doch wird dieses Urteil von unserem Herrn und Erlöser höchst gerecht über jene Sünder gesprochen werden, die alle Werke wahrer Barmherzigkeit vernachlässigten, die den Hungrigen keine Speise und den Durstigen keinen Trank gaben, die dem Fremden keine Herberge und dem Nackten keine Kleidung boten und die sich weigerten, die Kranken und Gefangenen zu besuchen.

Abschnitt 25. Bedeutung der Unterweisung über diesen Artikel — Dies sind Gedanken, die der Seelsorger seinem Volke sehr oft vor Augen führen sollte; denn die Wahrheit, die in diesem Artikel enthalten ist, wird, wenn sie mit gläubiger Gesinnung aufgenommen wird, höchst wirksam sein, die bösen Neigungen des Herzens zu zügeln und die Menschen von der Sünde abzuhalten. Daher lesen wir bei Jesus Sirach: Bei allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen. Und in der Tat gibt es kaum einen Menschen, der so sehr dem Laster ergeben ist, dass er nicht zur Tugend zurückgerufen würde durch den Gedanken, dass er eines Tages Rechenschaft ablegen muss vor einem allgerechten Richter, nicht nur über alle seine Worte und Taten, sondern sogar über seine geheimsten Gedanken, und eine Strafe erleiden muss, die seinen Verschuldungen entspricht.

Abschnitt 26. Andererseits wird der Gerechte mehr und mehr ermutigt werden, ein gutes Leben zu führen. Auch wenn seine Tage in Armut, Schmach und Leiden verbracht werden, muss er sich überaus freuen, wenn er auf jenen Tag vorausblickt, an dem, nach Beendigung der Kämpfe dieses elenden Lebens, er im Angesicht aller Menschen als Sieger erklärt und in sein himmlisches Vaterland aufgenommen wird, um mit göttlichen Ehren gekrönt zu werden, die niemals verblassen.

Abschnitt 27. Es bleibt also nur noch übrig, dass der Seelsorger die Gläubigen ermahne, ein heiliges Leben zu führen und jede Tugend zu üben, damit sie so befähigt werden, dem Kommen jenes großen Tages des Herrn mit Zuversicht entgegenzublücken — ja, wie es Kindern geziemt, ihn sogar mit größtem Eifer herbeizusehnen.