Römischer Katechismus — Kapitel 27: Dritter Teil: Der Dekalog — Das vierte Gebot

Kapitel 27: Dritter Teil: Der Dekalog — Das vierte Gebot

Abschnitt 1. Vergleichende Bedeutung der vorangehenden und der folgenden Gebote — Die vorangehenden Gebote sind sowohl an Würde als auch an Wichtigkeit die höchsten; aber die folgenden stehen der Notwendigkeit nach an nächster Stelle. Denn die ersten drei zielen unmittelbar auf Gott ab, während die übrigen die Nächstenliebe zum Gegenstand haben, obwohl auch diese letztlich auf Gott bezogen werden, da wir unseren Nächsten um Gottes willen, unseres letzten Zieles, lieben. Daher hat Christus, unser Herr, erklärt, dass die beiden Gebote, die die Gottes- und die Nächstenliebe einschärfen, einander gleich sind.

Abschnitt 2. Bedeutung der Unterweisung über das vierte Gebot — Die Vorteile, die sich aus dem vorliegenden Gegenstand ergeben, lassen sich kaum in Worte fassen; denn er bringt nicht nur seine eigene Frucht hervor, und zwar in reichster Fülle und von vorzueglicher Beschaffenheit, sondern bietet auch einen Prüfstein unseres Gehorsams gegenüber dem ersten Gebot und seiner Beobachtung. Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, sagt der heilige Johannes, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Ebenso: Wenn wir unsere Eltern nicht ehren und achten, die wir nächst Gott lieben sollen und die wir beständig sehen, wie können wir Gott ehren oder achten, den höchsten und besten Vater, den wir nicht sehen? Hieraus können wir leicht die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Geboten erkennen.

Abschnitt 3. Die Anwendung dieses Gebotes erstreckt sich sehr weit. Außer unseren leiblichen Eltern gibt es viele andere, deren Macht, Rang, Nützlichkeit, erhabene Aufgaben oder Amt sie zur elterlichen Ehre berechtigen.

Abschnitt 4. Ferner erleichtert dieses Gebot die Arbeit der Eltern und Vorgesetzten; denn ihre vornehmste Sorge ist, dass die ihnen Unterstellten tugendhaft und nach dem göttlichen Gesetz leben. Die Erfüllung dieser Pflicht wird nun erheblich erleichtert, wenn allen bekannt ist, dass die höchste Ehrung der Eltern eine von Gott gebilligte und gebotene Verpflichtung ist.

Abschnitt 5. Die beiden Gesetzestafeln — Um dem Geist diese Wahrheit einzuprägen, wird es sich als nützlich erweisen, die Gebote der ersten von denen der zweiten Tafel zu unterscheiden. Diese Unterscheidung soll der Seelsorger daher zuerst erklären.

Abschnitt 6. Er soll damit beginnen zu zeigen, dass die göttlichen Vorschriften des Dekalogs auf zwei Tafeln geschrieben waren, von denen die eine nach Meinung der heiligen Väter die drei vorangehenden enthielt, während die übrigen auf der zweiten Tafel standen.

Abschnitt 7. Diese Ordnung der Gebote ist besonders angemessen, da schon die Anordnung selbst uns auf ihren Unterschied in der Natur hinweist. Denn was auch immer in der Schrift durch das göttliche Gesetz geboten oder verboten wird, entspringt einem von zwei Grundsätzen: der Liebe zu Gott oder zum Nächsten; der eine oder der andere ist die Grundlage jeder von uns geforderten Pflicht. Die drei vorangehenden Gebote lehren uns die Liebe, die wir Gott schulden, und die anderen sieben die Pflichten, die wir unserem Nächsten und der öffentlichen Gemeinschaft schulden. Die Anordnung, die einige Gebote der ersten und andere der zweiten Tafel zuweist, ist daher nicht ohne guten Grund.

Abschnitt 8. In den drei ersten Geboten, die erklärt worden sind, ist Gott, das höchste Gut, gleichsam der Gegenstand; in den übrigen ist es das Wohl unseres Nächsten. Die ersteren fordern die höchste Liebe, die letzteren die nächsthöchste Liebe. Die ersteren betreffen unser letztes Ziel, die letzteren jene Dinge, die uns zu unserem Ziel hinführen.

Abschnitt 9. Wiederum endet die Liebe zu Gott in Gott selbst, denn Gott soll um Seiner selbst willen über alles geliebt werden; aber die Liebe zum Nächsten entspringt der Liebe zu Gott und ist durch sie zu regeln. Wenn wir unsere Eltern lieben, unseren Vorgesetzten gehorchen, unsere Oberen achten, so soll unser Leitmotiv dabei sein, dass Gott ihr Schöpfer ist und denen den Vorrang geben will, durch deren Mitwirkung Er andere Menschen lenkt und schützt; und da Er verlangt, dass wir solchen Personen pflichtschuldigen Respekt erweisen, sollen wir es tun, weil Er sie dieser Ehre für würdig hält. Wenn wir also unsere Eltern ehren, wird der Tribut eher Gott als dem Menschen gezollt. Dementsprechend lesen wir bei Matthäus über die Pflicht gegenüber Vorgesetzten: Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf; und der Apostel sagt in seinem Brief an die Epheser, wenn er Knechte unterweist: Ihr Knechte, gehorcht euren Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, wie Christus; nicht mit Augendienerei, als wolltet ihr Menschen gefallen, sondern als Knechte Christi.

Abschnitt 10. Überdies kann keine Ehre, keine Frömmigkeit, keine Hingabe Gott genügend würdig erwiesen werden, da die Liebe zu Ihm einer unendlichen Steigerung fähig ist. Daher soll unsere Liebe zu Ihm von Tag zu Tag glühender werden, da Er uns gebietet, Ihn mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all unserer Kraft zu lieben. Die Nächstenliebe dagegen hat ihre Grenzen, denn der Herr gebietet uns, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Abschnitt 11. Diese Grenzen zu überschreiten, indem wir unseren Nächsten so lieben, wie wir Gott lieben, wäre ein ungeheures Vergehen. Wenn jemand zu mir kommt, sagt der Herr, und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und seine Kinder, seine Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein. Ebenso wurde zu dem, der zuerst seinen Vater begraben und dann Christus nachfolgen wollte, gesagt: Lass die Toten ihre Toten begraben; und dieselbe Lehre wird noch deutlicher bei Matthäus vermittelt: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.

Abschnitt 12. Die Eltern sind zweifellos hoch zu lieben und zu achten; aber die Religion verlangt, dass die höchste Ehre und Huldigung Ihm allein gegeben werde, der der Schöpfer und Vater aller ist, und dass all unsere Liebe zu unseren irdischen Eltern auf unseren ewigen Vater im Himmel bezogen werde. Sollten jedoch die Anweisungen der Eltern jemals den Geboten Gottes entgegenstehen, so haben die Kinder selbstverständlich den Willen Gottes dem Willen ihrer Eltern vorzuziehen, stets die göttliche Maxime vor Augen habend: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Abschnitt 13. Erklärung des vierten Gebotes: „Ehre“ — Nach diesen Vorbemerkungen soll der Seelsorger die Worte des Gebotes erklären, beginnend mit „Ehre“. Ehren bedeutet, achtungsvoll von jemandem zu denken und alles, was sich auf ihn bezieht, in höchster Wertschätzung zu halten. Es umfasst Liebe, Achtung, Gehorsam und Ehrfurcht.

Abschnitt 14. Sehr passend wird daher hier das Wort „Ehre“ dem Wort „Furcht“ oder „Liebe“ vorgezogen, obwohl die Eltern auch sehr zu lieben und zu fürchten sind. Achtung und Ehrfurcht sind nicht immer Begleiter der Liebe; und die Liebe ist nicht die unzertrennliche Gefährtin der Furcht; aber die Ehre, wenn sie vom Herzen kommt, vereinigt sowohl Furcht als auch Liebe.

Abschnitt 15. „Deinen Vater“ — Der Seelsorger soll als Nächstes erklären, wer diejenigen sind, die das Gebot als Väter bezeichnet; denn obwohl das Gesetz sich in erster Linie auf unsere leiblichen Väter bezieht, gehört der Name doch auch anderen, und diese scheinen im Gebot mitgemeint zu sein, wie wir aus zahlreichen Stellen der Heiligen Schrift leicht entnehmen können. Außer unseren leiblichen Vätern gibt es also andere, die in der Schrift Väter genannt werden, wie oben gesagt wurde, und jedem von ihnen gebührt die entsprechende Ehre.

Abschnitt 16. An erster Stelle werden die Prälaten der Kirche, ihre Hirten und Priester Väter genannt, wie aus dem Apostel hervorgeht, der an die Korinther schreibt: Ich schreibe dies nicht, um euch zu beschämen, sondern ich ermahne euch als meine liebsten Kinder. Denn wenn ihr auch zehntausend Lehrmeister in Christus hättet, so habt ihr doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Es steht auch im Buch Jesus Sirach geschrieben: Lasst uns die Männer von Ruhm preisen und unsere Väter in ihren Geschlechtern.

Abschnitt 17. Auch jene, die den Staat regieren, denen Macht, Obrigkeit oder Befehlsgewalt anvertraut ist, werden Väter genannt; so wurde Naaman von seinen Dienern Vater genannt.

Abschnitt 18. Der Name Vater wird auch auf jene angewandt, deren Obhut, Treue, Rechtschaffenheit und Weisheit andere anvertraut sind, wie Lehrer, Erzieher, Meister und Vormünder; und daher nannten die Söhne der Propheten Elias und Elischa ihren Vater. Schließlich nennen wir auch betagte Männer, die an Jahren vorgeschritten sind, Väter.

Abschnitt 19. Warum Eltern geehrt werden sollen — In seinen Unterweisungen soll der Seelsorger hauptsächlich die Verpflichtung betonen, alle zu ehren, die den Namen Vater verdienen, besonders unsere leiblichen Eltern, von denen das göttliche Gebot vornehmlich spricht. Sie sind gleichsam Ebenbilder des unsterblichen Gottes. In ihnen erblicken wir ein Bild unseres eigenen Ursprungs; von ihnen haben wir das Dasein empfangen; ihrer bediente sich Gott, um uns Seele und Vernunft einzuflößen; durch sie wurden wir zu den Sakramenten geführt, in unserer Religion unterwiesen, in rechtem Wandel und Heiligkeit erzogen und in bürgerlichem und menschlichem Wissen unterrichtet.

Abschnitt 20. „Und deine Mutter“ — Der Seelsorger soll lehren, dass der Name Mutter in diesem Gebot erwähnt wird, um uns an ihre Verdienste und Ansprüche uns gegenüber zu erinnern, an die Sorge und Fürsorge, mit der sie uns trug, und an den Schmerz und die Mühe, mit der sie uns gebar und aufzog.

Abschnitt 21. Art und Weise, die Eltern zu ehren — Die Ehre, die die Kinder ihren Eltern zu erweisen verpflichtet sind, soll das freiwillige Opfer aufrichtiger und pflichtbewusster Liebe sein. Dies ist nicht mehr als ihnen gebührt, da sie aus Liebe zu uns vor keiner Mühe, keiner Anstrengung, keiner Gefahr zurückschrecken. Ihre größte Freude ist es zu fühlen, dass sie von ihren Kindern geliebt werden, den teuersten Gegenständen ihrer Zuneigung. Joseph, als er in Ägypten die höchste Stellung und die umfassendste Macht nach dem König selbst innehatte, empfing mit Ehren seinen Vater, der nach Ägypten gekommen war. Salomo erhob sich, seiner Mutter entgegenzugehen, als sie näherkam; und nachdem er ihr seine Ehrerbietung erwiesen hatte, setzte er sie auf einen königlichen Thron zu seiner Rechten.

Abschnitt 22. Wir schulden unseren Eltern auch andere Pflichten der Ehrerbietung, wie für sie zu Gott zu flehen, dass sie ein glückliches und gesegnetes Leben führen mögen, von allen, die sie kennen, geliebt und geschätzt und im Angesicht Gottes und der Heiligen im Himmel wohlgefällig seien.

Abschnitt 23. Wir ehren sie auch durch Unterwerfung unter ihre Wünsche und Neigungen. Mein Sohn, sagt Salomo, höre auf die Unterweisung deines Vaters und verlass nicht das Gesetz deiner Mutter, damit Anmut deinem Haupt und eine goldene Kette deinem Hals beigefügt werde. Von gleicher Art sind die Ermahnungen des heiligen Paulus. Kinder, sagt er, gehorcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht; und auch: Kinder, gehorcht euren Eltern in allen Dingen, denn das ist dem Herrn wohlgefällig. Dies wird durch das Beispiel der heiligsten Männer bestätigt. Isaak, als er von seinem Vater zum Opfer gebunden wurde, gehorchte sanftmütig und ohne Klage; und die Rechabiter, um vom Rat ihres Vaters nicht abzuweichen, enthielten sich stets des Weines.

Abschnitt 24. Wir ehren unsere Eltern auch durch die Nachahmung ihres guten Beispiels; denn jemandem nahe ähnlich werden zu wollen, ist das höchste Zeichen der Wertschätzung ihm gegenüber. Wir ehren sie auch, wenn wir nicht nur ihren Rat erbitten, sondern ihm auch folgen.

Abschnitt 25. Wiederum ehren wir unsere Eltern, wenn wir ihren Nöten abhelfen und sie mit der nötigen Nahrung und Kleidung versorgen, gemäß jenen Worten Christi, der, als Er die Gottlosigkeit der Pharisäer tadelte, sprach: Warum übertretet auch ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen? Denn Gott hat gesagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ und „Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben.“ Ihr aber sagt: „Wer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Die Gabe, die von mir kommt, soll dir zugutekommen.“ Und er wird seinen Vater oder seine Mutter nicht ehren; und ihr habt das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen aufgehoben.

Abschnitt 26. Wenn es aber zu allen Zeiten unsere Pflicht ist, unsere Eltern zu ehren, so wird diese Pflicht noch gebieterischer, wenn sie von schwerer Krankheit heimgesucht werden. Wir sollen dann dafür Sorge tragen, dass sie die Beichte und die anderen Sakramente nicht versäumen, die jeder Christ beim Herannahen des Todes empfangen soll. Wir sollen auch dafür sorgen, dass fromme und gotterfürchtige Personen sie häufig besuchen, um ihre Schwachheit zu stärken, ihnen mit ihrem Rat beizustehen und sie zur Hoffnung auf die Unsterblichkeit zu ermutigen, damit sie, über die Sorgen dieser Welt erhoben, ihre Gedanken gänzlich auf Gott richten mögen. So werden sie, gesegnet mit den erhabenen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe und gestärkt durch die Hilfen der Religion, den Tod nicht nur ohne Furcht betrachten, da er notwendig ist, sondern ihn sogar willkommen heißen, da er ihren Eintritt in die Ewigkeit beschleunigt.

Abschnitt 27. Schließlich ehren wir unsere Eltern auch nach ihrem Tod, indem wir an ihrer Beerdigung teilnehmen, für sie angemessene Exequien und ein Begräbnis besorgen, gebührende Suffragien und Jahrtagsmessen für sie darbringen lassen und ihren letzten Willen treu ausführen.

Abschnitt 28. Art und Weise, andere Vorgesetzte zu ehren — Wir sind verpflichtet, nicht nur unsere leiblichen Eltern zu ehren, sondern auch andere, die Väter genannt werden, wie Bischöfe und Priester, Könige, Fürsten und Obrigkeiten, Erzieher, Vormünder und Lehrmeister, Lehrer, betagte Personen und dergleichen, die alle, einige in höherem, andere in geringerem Maße, Anspruch auf unsere Liebe, unseren Gehorsam und unsere Hilfe haben.

Abschnitt 29. Die den Bischöfen und Priestern gebührende Ehre — Über Bischöfe und andere Hirten steht geschrieben: Die Priester, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre würdig geachtet werden, besonders jene, die sich im Wort und in der Lehre mühen.

Abschnitt 30. Welch wunderbare Beweise der Liebe zum Apostel müssen die Galater gezeigt haben! Denn er legt dieses glänzende Zeugnis ihres Wohlwollens ab: Ich bezeuge euch, dass ihr, wenn es möglich gewesen wäre, eure eigenen Augen ausgerissen und sie mir gegeben hättet.

Abschnitt 31. Der Priester hat auch das Recht, alles zu empfangen, was für seinen Unterhalt notwendig ist. Wer, sagt der Apostel, dient als Soldat auf eigene Kosten? Erweise den Priestern Ehre, steht im Buch Jesus Sirach geschrieben, und reinige dich mit deinen Gaben; gib ihnen ihren Anteil, wie es dir geboten ist, von den Erstlingsfrüchten und von den Reinigungsopfern.

Abschnitt 32. Der Apostel lehrt auch, dass ihnen Gehorsam gebührt: Gehorcht euren Vorgesetzten und seid ihnen untertan; denn sie wachen als solche, die Rechenschaft über eure Seelen ablegen müssen. Ja, mehr noch: Christus der Herr gebietet Gehorsam selbst gegenüber unwuerdigen Hirten: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer; alles nun, was sie euch sagen, das beobachtet und tut; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es und tun es nicht.

Abschnitt 33. Die den weltlichen Herrschern gebührende Ehre — Dasselbe gilt für weltliche Herrscher, Statthalter, Obrigkeiten und andere, deren Autorität wir unterworfen sind. Der Apostel legt in seinem Brief an die Römer ausführlich die Ehre, Achtung und den Gehorsam dar, die ihnen erwiesen werden sollen, und er ermahnt uns auch, für sie zu beten. Der heilige Petrus sagt: Seid daher untertan jeder menschlichen Einrichtung um Gottes willen, sei es dem König als dem Obersten, sei es den Statthaltern als von ihm gesandt.

Abschnitt 34. Denn was auch immer an Ehre wir ihnen erweisen, wird Gott erwiesen, da die erhabene menschliche Würde Achtung verdient, weil sie ein Abbild der göttlichen Macht ist, und wir in ihr die Vorsehung Gottes verehren, der den Menschen die Sorge für die öffentlichen Angelegenheiten anvertraut hat und der sie als Werkzeuge Seiner Macht gebraucht.

Abschnitt 35. Wenn wir bisweilen schlechte und unwuerdige Amtsträger haben, so sind es nicht ihre Fehler, die wir verehren, sondern die Autorität von Gott, die sie besitzen. Ja, so seltsam es auch scheinen mag, wir sind nicht davon entschuldigt, sie hoch zu ehren, selbst wenn sie sich uns gegenüber feindlich und unersöhnlich zeigen. So erwies David dem Saul große Dienste, selbst als dieser sein bitterer Feind war, und darauf spielt er an, wenn er sagt: Mit denen, die den Frieden hassten, war ich friedfertig.

Abschnitt 36. Wenn jedoch ihre Befehle schlecht oder ungerecht sind, soll man ihnen nicht gehorchen, da sie in einem solchen Fall nicht gemäß ihrer rechtmäßigen Autorität herrschen, sondern gemäß Ungerechtigkeit und Verkehrtheit.

Abschnitt 37. „Auf dass du lange lebest“ usw. — Nach Erklärung der obigen Punkte soll der Seelsorger als Nächstes die Belohnung betrachten, die für die Beobachtung dieses Gebotes verheissen wird, und ihre Angemessenheit. Diese Belohnung ist in der Tat groß, denn sie besteht hauptsächlich in langem Leben. Jene, die stets die dankbare Erinnerung an eine Wohltat bewahren, verdienen es, ihren verlängerten Genuss zu empfangen. Kinder also, die ihre Eltern ehren und die Gabe des Lebens, die sie von ihnen empfangen haben, dankbar anerkennen, werden verdientermassen mit dem anhaltenden Genuss dieses Lebens bis ins hohe Alter belohnt.

Abschnitt 38. Verheissene Belohnung für die Beobachtung dieses Gebotes — Die göttliche Verheissung verlangt auch eine besondere Erklärung. Sie umfasst nicht nur das ewige Leben der Seligen, sondern auch das Leben, das wir auf Erden führen, gemäß der Auslegung des heiligen Paulus: Die Frömmigkeit ist zu allem nütze, da sie die Verheissung des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens hat.

Abschnitt 39. Viele sehr heilige Männer, wie Ijob, David und Paulus, wünschten zwar zu sterben, und ein langes Leben ist für Bedrängte und Elende eine Last; aber die hier verheissene Belohnung ist dennoch weder unbedeutend noch zu verachten.

Abschnitt 40. Die zusätzlichen Worte: das der Herr, dein Gott, dir geben wird, verheissen nicht nur langes Leben, sondern auch Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit, um wohl zu leben; denn im Deuteronomium wird nicht nur gesagt: auf dass du lange lebest, sondern es wird auch hinzugefügt: und auf dass es dir wohl ergehe, Worte, die später vom Apostel angeführt werden.

Abschnitt 41. Warum diese Belohnung nicht immer pflichtbewussten Kindern zuteil wird — Diese Segnungen werden, wie wir sagen, denen verliehen, deren Frömmigkeit Gott belohnt; andernfalls würden die göttlichen Verheissungen nicht erfüllt, da das pflichtbewusstere Kind bisweilen das kürzer lebende ist.

Abschnitt 42. Dies geschieht bisweilen, weil es für dieses besser ist, aus dieser Welt zu scheiden, bevor es vom Pfad der Tugend und der Pflicht abgewichen ist; denn es wurde hinweggenommen, damit die Bosheit seinen Verstand nicht verändere oder der Trug seine Seele betöre. Oder weil Zerstörung und allgemeiner Umsturz bevorstehen, wird es abberufen, damit es den Drangsalen der Zeiten entgehe. Der Gerechte, sagt der Prophet, wird hinweggenommen vor dem Angesicht des Übels, damit seine Tugend und sein Heil nicht gefährdet werden, wenn Gott die Verbrechen der Menschen rächt. Oder er wird der bitteren Qual erspart, die Drangsale seiner Freunde und Verwandten in solch bösen Tagen mitanzusehen. Der frühe Tod der Guten gibt daher besonderen Grund zur Furcht.

Abschnitt 43. Strafe für die Übertretung dieses Gebotes — Wenn aber Gott dankbaren Kindern Belohnungen und Segnungen verheisst, so hält Er auch die schwersten Züchtigungen für jene bereit, denen es an kindlicher Frömmigkeit mangelt; denn es steht geschrieben: Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, soll des Todes sterben. Wer seinen Vater bedrängt und seine Mutter vertreibt, ist ehrlos und unglückselig. Wer seinem Vater und seiner Mutter flucht, dessen Leuchte wird erlöschen inmitten der Finsternis. Das Auge, das den Vater verspottet und die Mühe der Mutter verachtet, ihn zu tragen: die Raben des Baches sollen es aushacken, und die jungen Adler sollen es fressen. Es sind viele Beispiele undankbarer Kinder überliefert, die zu auffälligen Gegenständen der göttlichen Rache gemacht wurden. Der Ungehorsam Absaloms gegen seinen Vater David blieb nicht ungestraft. Wegen seiner Sünde ging er kläglich zugrunde, von drei Lanzen durchbohrt.

Abschnitt 44. Über jene, die sich dem Priester widersetzen, steht geschrieben: Wer übermütig ist und dem Befehl des Priesters, der zu jener Zeit dem Herrn, deinem Gott, dient, nicht gehorchen will, der soll nach dem Urteil des Richters sterben.

Abschnitt 45. Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern — Wie das Gesetz Gottes den Kindern gebietet, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und sie zu achten, so gibt es auch wechselseitige Pflichten, die die Eltern ihren Kindern schulden. Die Eltern sind verpflichtet, ihre Kinder in der Kenntnis und Ausübung der Religion zu erziehen und ihnen die besten Regeln für die Gestaltung ihres Lebens zu geben, damit sie, in der Religion unterwiesen und ausgebildet, Gott heilig und beständig dienen. So handelten, wie wir lesen, die Eltern der Susanna.

Abschnitt 46. Der Seelsorger soll daher die Eltern ermahnen, ihren Kindern Führer zu sein in den Tugenden der Gerechtigkeit, der Keuschheit, der Bescheidenheit und der Heiligkeit.

Abschnitt 47. Drei Dinge, die von den Eltern zu vermeiden sind — Er soll sie auch ermahnen, sich besonders vor drei Dingen zu hüten, in denen sie nur allzu oft fehlen.

Abschnitt 48. Erstens sollen sie nicht durch Worte oder Taten allzu große Härte gegen ihre Kinder ausüben. Dies ist die Unterweisung des heiligen Paulus in seinem Brief an die Kolosser: Ihr Väter, sagt er, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden. Denn es besteht die Gefahr, dass der Geist des Kindes gebrochen wird und es ängstlich und furchtsam vor allem werde. Daher soll der Seelsorger von den Eltern verlangen, übermäßige Strenge zu meiden und lieber ihre Kinder zu bessern als sich an ihnen zu rächen.

Abschnitt 49. Wenn ein Fehler begangen wird, der Tadel und Züchtigung erfordert, soll der Elternteil andererseits nicht durch übermäßige Nachsicht seine Besserung übersehen. Kinder werden oft durch allzu große Milde und Nachgiebigkeit seitens ihrer Eltern verdorben. Der Seelsorger soll daher von solcher übermäßigen Milde durch das warnende Beispiel des Hohepriesters Heli abschrecken, der wegen übermäßiger Nachsicht gegen seine Söhne mit den schwersten Züchtigungen heimgesucht wurde.

Abschnitt 50. Schließlich sollen die Eltern, um zu vermeiden, was bei der Unterweisung und Erziehung der Kinder am schändlichsten ist, sich keine unwuerdigen Ziele setzen. Viele gibt es, deren einzige Sorge es ist, ihren Kindern Reichtum, Vermögen und ein reiches und glänzendes Erbe zu hinterlassen; die sie nicht zur Frömmigkeit und Religion oder zu ehrbarer Beschäftigung ermutigen, sondern zum Geiz und zur Vermehrung des Reichtums; und die, sofern ihre Kinder nur reich und wohlhabend sind, sich um deren guten Ruf und ewiges Heil nicht kümmern. Kann etwas Schändlicheres gedacht oder ausgesprochen werden? Von solchen Eltern darf man wahrhaftig sagen, dass sie ihren Kindern statt Reichtum vielmehr ihre eigene Schlechtigkeit und ihre Vergehen als Erbe hinterlassen; und dass sie sie, statt sie zum Himmel zu führen, zu den ewigen Qualen der Hölle geleiten.

Abschnitt 51. Der Seelsorger soll daher den Eltern heilsame Grundsätze einprägen und sie ermahnen, dem tugendhaften Beispiel des Tobias nachzueifern, damit sie, nachdem sie ihre Kinder recht zum Dienst Gottes und zur Heiligkeit des Lebens erzogen haben, ihrerseits von deren Seite reiche Frucht kindlicher Zuneigung, Achtung und Gehorsams erfahren mögen.