Römischer Katechismus — Kapitel 20: Zweiter Teil: Die Sakramente — Die Letzte Ölung

Kapitel 20: Zweiter Teil: Die Sakramente — Die Letzte Ölung

Abschnitt 1. Bedeutung der Unterweisung über die Letzte Ölung — In allen deinen Werken, so lehrt die Heilige Schrift, gedenke deines letzten Endes, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen — Worte, die dem Seelsorger eine stille Mahnung erteilen, keine Gelegenheit zu versäumen, die Gläubigen zur beständigen Betrachtung des Todes anzuhalten. Das Sakrament der Letzten Ölung, das untrennbar mit dem Gedanken an den Todestag verbunden ist, sollte offensichtlich Gegenstand häufiger Unterweisung sein, nicht nur weil es recht ist, die Heilsgeheimnisse zu erklären, sondern auch weil der Tod, das unausweichliche Schicksal aller Menschen, wenn er den Gläubigen ins Gedächtnis gerufen wird, die verkehrten Leidenschaften unterdrückt. So werden sie durch das Herannahen des Todes weniger beunruhigt sein und Gott in unaufhörlichem Lobpreis ihren Dank darbringen, der uns nicht nur den Weg zum wahren Leben im Sakrament der Taufe eröffnet, sondern auch das Sakrament der Letzten Ölung eingesetzt hat, um uns beim Abschied von diesem sterblichen Leben einen leichteren Weg zum Himmel zu gewähren.

Abschnitt 2. Namen dieses Sakramentes — Bei der Erklärung dessen, was zu diesem Thema am notwendigsten ist, werden wir nahezu dieselbe Ordnung einhalten, die bei der Darlegung der anderen Sakramente beachtet wurde. Daher werden wir zuerst zeigen, dass dieses Sakrament Letzte Ölung genannt wird, weil es unter allen Salbungen, die unser Herr Seiner Kirche vorgeschrieben hat, die letzte ist, die gespendet wird.

Abschnitt 3. Aus diesem Grund wurde es von unseren Vorfahren im Glauben auch das Sakrament der Krankensalbung und ebenso das Sakrament der Sterbenden genannt — Bezeichnungen, die den Geist der Gläubigen leicht auf die Erinnerung an jene letzte Stunde lenken.

Abschnitt 4. Die Letzte Ölung ist ein wahres Sakrament — Dass die Letzte Ölung im eigentlichen Sinne ein Sakrament ist, muss zunächst erklärt werden; und dies begründen die Worte des heiligen Apostels Jakobus, der das Gesetz dieses Sakramentes verkündete, in aller Deutlichkeit. Ist jemand unter euch krank, so sagt er, so rufe er die Priester der Kirche, und sie sollen über ihm beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, so werden sie ihm vergeben. Da der Apostel sagt, dass Sünden vergeben werden, schreibt er der Letzten Ölung die Natur und Wirksamkeit eines Sakramentes zu.

Abschnitt 5. Dass dies zu allen Zeiten die Lehre der katholischen Kirche über die Letzte Ölung gewesen ist, bezeugen viele Konzilien, und das Konzil von Trient belegt mit dem Anathema alle, die es wagen sollten, anders zu lehren oder zu denken. Auch Papst Innozenz I. empfiehlt dieses Sakrament mit großem Nachdruck der Aufmerksamkeit der Gläubigen.

Abschnitt 6. Die Letzte Ölung ist nur ein einziges Sakrament — Die Seelsorger sollen daher lehren, dass die Letzte Ölung ein wahres Sakrament ist und dass sie, obwohl sie mit vielen Salbungen gespendet wird, von denen jede mit einem eigenen Gebet und einer eigenen Form vollzogen wird, nicht viele, sondern ein einziges Sakrament darstellt. Es ist jedoch eines, nicht in dem Sinne, dass es aus untrennbaren Teilen bestünde, sondern weil jeder der Teile zu seiner Vollkommenheit beiträgt, wie es bei jedem aus vielen Teilen zusammengesetzten Gegenstand der Fall ist. Wie ein Haus, das aus einer großen Vielfalt von Teilen besteht, seine Vollkommenheit aus der Einheit des Planes ableitet, so ist auch dieses Sakrament, obwohl aus vielen verschiedenen Dingen und Worten zusammengesetzt, nur ein einziges Zeichen, und es bewirkt nur das eine, dessen Zeichen es ist.

Abschnitt 7. Wesentliche Bestandteile der Letzten Ölung — Die Seelsorger sollen auch lehren, welches die Bestandteile dieses Sakramentes sind, seine Materie und Form. Diese lässt der heilige Jakobus nicht aus, und jeder einzelne Bestandteil ist von seinen eigenen Geheimnissen erfüllt.

Abschnitt 8. Die Materie der Letzten Ölung — Sein Element oder seine Materie besteht also, wie von den Konzilien, insbesondere vom Konzil von Trient, festgelegt, aus vom Bischof geweihtem Öl. Nicht jede Art von Öl, die aus fettigen oder öligen Stoffen gewonnen wird, sondern allein Olivenöl kann die Materie dieses Sakramentes sein.

Abschnitt 9. So ist seine Materie höchst bezeichnend für das, was innerlich in der Seele durch das Sakrament bewirkt wird. Öl ist sehr wirksam zur Linderung körperlicher Schmerzen, und die Kraft dieses Sakramentes mindert den Schmerz und die Angst der Seele. Öl stellt auch die Gesundheit wieder her, bringt Freude, nährt das Licht und ist sehr wirksam zur Erfrischung bei körperlicher Ermüdung. All diese Wirkungen bezeichnen das, was die göttliche Kraft im Kranken durch die Spendung dieses Sakramentes vollbringt. Soviel möge zur Erklärung der Materie genügen.

Abschnitt 10. Die Form der Letzten Ölung — Die Form des Sakramentes ist das Wort und das feierliche Gebet, das der Priester bei jeder Salbung spricht: Durch diese heilige Salbung vergebe dir Gott, was immer du durch den Missbrauch des Sehens, des Riechens oder des Tastens gesündigt hast.

Abschnitt 11. Dass dies die wahre Form dieses Sakramentes ist, lernen wir aus diesen Worten des heiligen Jakobus: Sie sollen über ihm beten ... und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten. Hieraus können wir ersehen, dass die Form in der Weise eines Gebetes anzuwenden ist. Der Apostel sagt nicht, aus welchen bestimmten Worten dieses Gebet bestehen soll; aber diese Form ist uns durch die treue Überlieferung der Väter übermittelt worden, sodass alle Kirchen die von der Kirche Roms, der Mutter und Lehrmeisterin aller Kirchen, beachtete Form beibehalten. Einige ändern zwar einige Worte, wenn sie etwa statt „Gott vergebe dir" sagen „Gott erlasse" oder „Gott verschone", und bisweilen „Möge Gott alles Böse heilen, das du begangen hast". Da aber der Sinn nicht verändert wird, ist klar, dass alle gewissenhaft dieselbe Form einhalten.

Abschnitt 12. Es darf nicht verwundern, dass, während die Form jedes der anderen Sakramente entweder das, was sie ausdrückt, schlechthin bezeichnet — wie „Ich taufe dich" oder „Ich bezeichne dich mit dem Zeichen des Kreuzes" — oder gleichsam in befehlender Weise gesprochen wird — wie bei der Spendung der Heiligen Weihen „Empfange die Vollmacht" —, die Form der Letzten Ölung allein in der Weise eines Gebetes ausgedrückt wird. In weiser Anordnung ist dies so bestimmt worden. Denn da dieses Sakrament nicht nur wegen der geistlichen Gnade gespendet wird, die es verleiht, sondern auch zur Wiederherstellung der Gesundheit, die jedoch nicht immer erlangt wird, wird eine bittende Form verwendet, um von Gottes Barmherzigkeit das zu erflehen, was die Kraft des Sakramentes nicht immer und gleichförmig bewirkt.

Abschnitt 13. Die Zeremonien der Letzten Ölung — Bei der Spendung dieses Sakramentes werden auch besondere Riten verwendet, die hauptsächlich aus Gebeten bestehen, die der Priester für die Genesung des Kranken darbringt. Es gibt kein Sakrament, dessen Spendung von zahlreicheren Gebeten begleitet wird; und dies mit gutem Grund, denn in jenem Augenblick bedürfen die Gläubigen mehr als je der Hilfe frommer Gebete. Alle, die anwesend sein mögen, und besonders der Seelsorger, sollen ihre innigen Bitten zu Gott emporrichten und das Leben und das Heil des Leidenden eindringlich Seiner Barmherzigkeit anempfehlen.

Abschnitt 14. Einsetzung der Letzten Ölung — Nachdem wir so bewiesen haben, dass die Letzte Ölung wahrhaft und eigentlich zu den Sakramenten zu zählen ist, schließen wir zu Recht, dass sie ihre Einsetzung Christus, unserem Herrn, verdankt. In der Folge wurde sie vom Apostel Jakobus den Gläubigen kundgetan und verkündet.

Abschnitt 15. Unser Heiland selbst scheint jedoch auf sie hingedeutet zu haben, als Er Seine Jünger zu zweien vor sich her aussandte; denn der Evangelist berichtet uns, dass sie auszogen und predigten, alle sollten Buße tun; und sie trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

Abschnitt 16. Man kann nicht annehmen, dass diese Salbung von den Aposteln erfunden wurde, sondern sie wurde von unserem Herrn angeordnet. Auch entsprang ihre Kraft keiner natürlichen Eigenschaft. Ihre Wirksamkeit, so müssen wir glauben, war geheimnisvoller Art und war eingesetzt, um die Krankheiten der Seele zu heilen, mehr als um die Gebrechen des Leibes zu kurieren. Dies ist die Lehre, die der heilige Dionysius, der heilige Ambrosius, der heilige Chrysostomus und der heilige Gregor der Große vertraten; sodass keineswegs bezweifelt werden kann, dass die Letzte Ölung als eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche anerkannt und verehrt werden muss.

Abschnitt 17. Der Empfänger der Letzten Ölung — Obwohl für den Gebrauch aller eingesetzt, darf die Letzte Ölung nicht unterschiedslos allen gespendet werden.

Abschnitt 18. Der Empfänger muss in Todesgefahr sein — Erstens darf sie nicht gesunden Personen gespendet werden, gemäß den Worten des heiligen Jakobus: Ist jemand unter euch krank? Dies wird auch durch die Tatsache bewiesen, dass die Letzte Ölung als Heilmittel nicht nur für die Krankheiten der Seele, sondern auch für die des Leibes eingesetzt wurde. Nun bedürfen aber nur die Kranken eines Heilmittels, und deshalb ist dieses Sakrament nur jenen zu spenden, deren Krankheit solcher Art ist, dass sie die Befürchtung des nahenden Todes erweckt.

Abschnitt 19. Es ist jedoch eine sehr schwere Sünde, die Heilige Ölung aufzuschieben, bis alle Hoffnung auf Genesung geschwunden ist, das Leben zu erlöschen beginnt und der Kranke rasch in einen Zustand der Bewusstlosigkeit verfällt. Es liegt auf der Hand, dass, wenn das Sakrament gespendet wird, solange Bewusstsein und Vernunft noch unbeeinträchtigt sind und der Geist fähig ist, Akte des Glaubens zu erwecken und den Willen zu frommen Empfindungen zu lenken, eine reichere Teilnahme an seinen Gnaden empfangen werden muss. Obwohl diese himmlische Arznei an sich immer heilsam ist, sollen die Seelsorger darauf bedacht sein, sie dann anzuwenden, wenn ihre Wirksamkeit durch die Frömmigkeit und Andacht des Kranken unterstützt werden kann.

Abschnitt 20. Die Gefahr muss von einer Krankheit herrühren — Die Letzte Ölung kann also niemandem gespendet werden, der nicht gefährlich krank ist; nicht einmal jenen, die sich in Todesgefahr befinden, etwa wenn sie eine gefahrvolle Seereise unternehmen oder in eine Schlacht ziehen mit der sicheren Aussicht auf den Tod, oder zum Tode verurteilt sind und sich auf dem Weg zur Hinrichtung befinden.

Abschnitt 21. Der Gesalbte muss den Vernunftgebrauch erlangt haben — Ferner sind alle, die nicht den Gebrauch der Vernunft haben, keine geeigneten Empfänger dieses Sakramentes; ebenso Kinder, die, da sie keine Sünden begangen haben, das Sakrament nicht als Heilmittel gegen die Überreste der Sünde benötigen. Dasselbe gilt für Schwachsinnige und Geisteskranke, es sei denn, sie zeigen in ihren lichten Augenblicken Anzeichen frommer Gesinnung und äußern den Wunsch, gesalbt zu werden. Personen, die von Geburt an niemals den Gebrauch der Vernunft besaßen, darf dieses Sakrament nicht gespendet werden; wenn aber ein Kranker, solange er bei vollem Verstand war, den Wunsch äußert, die Letzte Ölung zu empfangen, und danach in Delirium verfällt, so ist er zu salben.

Abschnitt 22. Spendung der Letzten Ölung — Die heilige Salbung soll nicht am ganzen Leib vorgenommen werden, sondern nur an den Sinnesorganen: an den Augen wegen des Sehens, an den Ohren wegen des Hörens, an den Nasenlöchern wegen des Riechens, am Mund wegen des Geschmacks und der Sprache, an den Händen wegen des Tastsinns. Der Tastsinn ist zwar über den ganzen Körper verbreitet, doch er ist in den Händen am stärksten ausgeprägt.

Abschnitt 23. Diese Art der Spendung der Letzten Ölung wird in der gesamten Kirche beachtet und entspricht der heilkräftigen Natur des Sakramentes. Wie bei einer körperlichen Krankheit, obwohl das Leiden den ganzen Leib befällt, die Heilung dennoch nur an jenem Teil angewandt wird, der Sitz und Ursprung der Krankheit ist, so wird auch dieses Sakrament nicht am ganzen Leib gespendet, sondern an jenen Gliedern, an denen die Kraft der Sinneswahrnehmung am deutlichsten hervortritt, ferner an den Lenden, die gleichsam der Sitz der Begierlichkeit sind, und an den Füßen, mit denen wir uns von einem Ort zum anderen bewegen.

Abschnitt 24. Hier ist zu beachten, dass während derselben Krankheit und solange dieselbe Todesgefahr andauert, der Kranke nur einmal gesalbt werden soll. Sollte er sich jedoch nach der Salbung erholen, so kann er die Hilfe dieses Sakramentes erneut empfangen, sooft er wieder in dieselbe Todesgefahr geraten ist. Dieses Sakrament ist daher offensichtlich zu jenen zu zählen, die wiederholt werden können.

Abschnitt 25. Voraussetzungen für den Empfang der Letzten Ölung — Da alle Sorge darauf verwendet werden soll, dass nichts der Gnade des Sakramentes im Wege stehe, und da nichts ihr mehr entgegensteht als das Bewusstsein schwerer Schuld, muss die beständige Praxis der katholischen Kirche eingehalten werden, vor der Letzten Ölung das Sakrament der Buße und die Eucharistie zu spenden.

Abschnitt 26. Sodann sollen die Pfarrer sich bemühen, den Kranken zu überzeugen, dieses Sakrament mit demselben Glauben vom Priester zu empfangen, mit dem jene sich in alter Zeit den Aposteln vorstellten, die geheilt werden wollten. Das Heil seiner Seele soll jedoch der erste Gegenstand der Wünsche des Kranken sein und dann die Gesundheit des Leibes, mit der Einschränkung, dass sie zum Wohl seiner Seele gereiche.

Abschnitt 27. Auch sollen die Gläubigen nicht daran zweifeln, dass jene heiligen und feierlichen Gebete, die der Priester nicht in eigener Person, sondern in der Person der Kirche und unseres Herrn Jesus Christus spricht, von Gott erhört werden; und sie sollen ganz besonders in diesem einen Punkt ermahnt werden, dafür Sorge zu tragen, dass ihnen das Sakrament dieses höchst heilsamen Öles heilig und andächtig gespendet werde, wenn der schärfere Kampf bevorzustehen scheint und die Kräfte des Geistes wie des Leibes zu schwinden beginnen.

Abschnitt 28. Der Spender der Letzten Ölung — Wer der Spender der Letzten Ölung ist, erfahren wir von demselben Apostel, der das Gesetz des Herrn verkündete; denn er sagt: Er rufe die Priester (Presbyter). Mit diesem Ausdruck bezeichnet er, wie das Konzil von Trient treffend erklärt hat, nicht Personen vorgerückten Alters oder von höchster Autorität unter dem Volk, sondern Priester, die von Bischöfen unter Handauflegung ordnungsgemäß geweiht worden sind.

Abschnitt 29. Dem Priester ist also die Spendung dieses Sakramentes anvertraut; jedoch nicht jedem Priester, wie die heilige Kirche verfügt hat, sondern dem zuständigen Pfarrer, der die Jurisdiktion besitzt, oder einem anderen, der von ihm zur Ausübung dieses Amtes bevollmächtigt ist.

Abschnitt 30. Hierbei ist jedoch, wie auch bei der Spendung der anderen Sakramente, aufs deutlichste zu bedenken, dass der Priester der Stellvertreter Christi, unseres Herrn, und seiner Braut, der heiligen Kirche, ist.

Abschnitt 31. Wirkungen der Letzten Ölung — Auch die Vorteile, die wir von diesem Sakrament empfangen, sind genau darzulegen, damit die Gläubigen, wenn nichts anderes sie zu seinem Empfang bewegen kann, wenigstens durch seinen Nutzen dazu bewogen werden; denn wir sind von Natur aus geneigt, fast alle Dinge nach unserem Vorteil zu bemessen.

Abschnitt 32. Die Seelsorger sollen daher lehren, dass durch dieses Sakrament die Gnade verliehen wird, welche die Sünden nachlässt, insbesondere die leichteren oder, wie sie gewöhnlich genannt werden, lässlichen Sünden; denn die Todsünden werden durch das Sakrament der Buße getilgt. Die Letzte Ölung wurde nicht in erster Linie zur Vergebung schwerer Vergehen eingesetzt; nur die Taufe und die Buße bewirken dies unmittelbar.

Abschnitt 33. Ein weiterer Vorzug der heiligen Salbung ist, dass sie die Seele von der Mattigkeit und Schwäche befreit, die sie sich durch die Sünden zugezogen hat, sowie von allen anderen Überresten der Sünde. Die günstigste Zeit für diese Heilung ist, wenn wir von schwerer Krankheit heimgesucht werden und Lebensgefahr droht; denn es ist dem Menschen von Natur eingepflanzt, keine menschliche Heimsuchung so sehr zu fürchten wie den Tod. Diese Furcht wird durch die Erinnerung an unsere vergangenen Sünden gewaltig gesteigert, besonders wenn unser Gewissen uns schwerer Vergehen anklagt; denn es steht geschrieben: Sie werden voll Furcht kommen beim Gedanken an ihre Sünden, und ihre Missetaten werden ihnen gegenübertreten, um sie zu überführen. Eine weitere Quelle heftiger Qual ist der bange Gedanke, dass wir bald darauf vor dem Richterstuhl Gottes stehen müssen, der über uns ein Urteil strengster Gerechtigkeit nach unseren Verdiensten fällen wird. Es geschieht oft, dass die Gläubigen, von diesem Schrecken ergriffen, sich tief erschüttert fühlen; und nichts trägt mehr zu einem ruhigen Tod bei, als die Traurigkeit zu verbannen, mit frohem Gemüt die Ankunft unseres Herrn zu erwarten und bereit zu sein, das anvertraute Gut willig zurückzugeben, wann immer es Sein Wille ist, es zurückzufordern. Den Geist der Gläubigen von dieser Besorgnis zu befreien und die Seele mit frommer und heiliger Freude zu erfüllen, ist also eine Wirkung des Sakramentes der Letzten Ölung.

Abschnitt 34. Daraus ziehen wir ferner einen weiteren Vorteil, der mit Recht als der größte von allen angesehen werden darf. Denn obwohl der Feind des Menschengeschlechts niemals aufhört, solange wir leben, auf unseren Untergang und unser Verderben zu sinnen, so verwendet er doch zu keiner Zeit so gewaltsam alle Anstrengungen, uns völlig zu vernichten und uns, wenn möglich, aller Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit zu berauben, als wenn er den letzten Tag des Lebens herannahen sieht. In diesem Sakrament werden daher den Gläubigen Waffen und Kraft verliehen, die Gewalt und den Ansturm des Widersachers zu brechen und tapfer gegen ihn zu kämpfen; denn die Seele des Kranken wird durch die Hoffnung auf die göttliche Güte erleichtert und ermutigt, durch die gestärkt sie alle Bürden der Krankheit leichter erträgt und die Listen und Ränke des Teufels, der ihr auflauert, mit größerer Leichtigkeit durchkreuzt.

Abschnitt 35. Schließlich ist die Wiederherstellung der Gesundheit, wenn sie tatsächlich von Vorteil ist, eine weitere Wirkung dieses Sakramentes. Und wenn die Kranken in unseren Tagen diese Wirkung seltener erlangen, so ist dies nicht einem Mangel des Sakramentes zuzuschreiben, sondern vielmehr dem schwächeren Glauben eines großen Teiles derer, die mit dem heiligen Öl gesalbt werden, oder durch die es gespendet wird; denn der Evangelist bezeugt, dass der Herr unter den Seinen nicht viele Wunder wirkte wegen ihres Unglaubens.

Abschnitt 36. Es darf auch wahrheitsgemäß gesagt werden, dass die christliche Religion, da sie ihre Wurzeln tiefer in die Herzen der Menschen geschlagen hat, jetzt weniger der Hilfe solcher Wunder bedarf als ehedem zu Beginn der aufblühenden Kirche. Gleichwohl soll der Glaube in dieser Hinsicht kräftig erweckt werden, und was auch immer es Gott in Seiner Weisheit gefallen mag, hinsichtlich der Gesundheit des Leibes zu verfügen, die Gläubigen sollen auf eine sichere Hoffnung vertrauen, kraft dieses heiligen Öles die Gesundheit der Seele zu erlangen und, sollte die Stunde ihres Abschieds vom Leben nahe sein, die Frucht jener glorreichen Verheißung zu erfahren: Selig die Toten, die im Herrn sterben.

Abschnitt 37. Ermahnung — Wir haben so in Kürze das Sakrament der Letzten Ölung dargelegt. Wenn aber diese Punkte vom Seelsorger ausführlicher und mit der Sorgfalt entwickelt werden, die das Thema erfordert, so ist nicht zu bezweifeln, dass die Gläubigen aus seiner Unterweisung sehr große Früchte der Frömmigkeit ziehen werden.