Römischer Katechismus — Kapitel 35: Vierter Teil: Das Gebet — Die erste Bitte: Geheiligt werde dein Name

Kapitel 35: Vierter Teil: Das Gebet — Die erste Bitte: Geheiligt werde dein Name

Abschnitt 1. Warum diese Bitte an erster Stelle steht — Was wir von Gott erbitten sollen und in welcher Reihenfolge, hat der Meister und Herr aller selbst gelehrt und geboten. Denn das Gebet ist der Gesandte und Ausleger unserer Gedanken und Wünsche; und folglich beten wir gut und richtig, wenn die Reihenfolge unserer Bitten der Ordnung folgt, in der die erbetenen Dinge erstrebenswert sind.

Abschnitt 2. Nun sagt uns die echte Nächstenliebe, unsere ganze Seele und alle unsere Neigungen auf Gott zu richten, denn da Er allein das eine höchste Gut ist, ist es nur vernünftig, dass wir Ihn mit vorzüglicher und einzigartiger Liebe lieben. Andererseits kann Gott nicht von Herzen und über alle anderen Dinge geliebt werden, wenn wir nicht Seine Ehre und Herrlichkeit allen geschaffenen Dingen vorziehen. Denn alles Gute, das wir oder andere besitzen, alles, was in irgendeiner Weise den Namen gut trägt, kommt von Ihm und ist daher geringer als Er, das höchste Gut.

Abschnitt 3. Damit also unsere Gebete in gehöriger Ordnung gesprochen werden, hat unser Heiland diese Bitte bezüglich des höchsten Gutes an die Spitze aller anderen Bitten des Vaterunsers gestellt und uns so gezeigt, dass wir, bevor wir die für uns selbst oder für andere notwendigen Dinge erbitten, zuerst das erbitten sollen, was die Ehre Gottes betrifft, und Ihm die Neigungen und Wünsche unserer Herzen in dieser Hinsicht kundtun und zu erkennen geben sollen. Wenn wir so handeln, werden wir den Ansprüchen und Regeln der Nächstenliebe treu sein, die uns lehrt, Gott mehr zu lieben als uns selbst, und zuerst das zu erbitten, was wir um Seinetwillen wünschen, und dann das, was wir um unseretwillen wünschen.

Abschnitt 4. Gegenstand der ersten drei Bitten — Da aber unsere Wünsche und Bitten nur solche Dinge betreffen, die nötig sind, und da Gott nichts hinzugefügt werden kann, das heißt der göttlichen Natur, noch Seine göttliche Wesenheit, die unaussprechlich reich an aller Vollkommenheit ist, in irgendeiner Weise vermehrt werden kann, müssen wir bedenken, dass die Dinge, die wir um Gottes willen von Gott erbitten, äußerlich sind und Seine äußere Verherrlichung betreffen.

Abschnitt 5. So wünschen und erbitten wir, dass Sein Name in der Welt mehr und besser bekannt werde, dass Sein Reich ausgebreitet werde und dass jeden Tag neue Diener kommen mögen, Seinem heiligen Willen zu gehorchen. Diese drei Dinge — Sein Name, Sein Reich und der Gehorsam gegen Seinen Willen — gehören nicht zum inneren Wesen und zur Vollkommenheit Gottes, sondern sind diesen äußerlich.

Abschnitt 6. Um den Gläubigen die Kraft und Tragweite dieser Bitten noch klarer verständlich zu machen, sollte der Seelsorger darauf achten, ihnen zu zeigen, dass die Worte Wie im Himmel, so auf Erden von jeder der ersten drei Bitten verstanden werden können, wie folgt: Geheiligt werde dein Name auf Erden wie im Himmel; Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel; und: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.

Abschnitt 7. Geheiligt werde dein Name — Wenn wir beten, dass der Name Gottes geheiligt werde, meinen wir damit, dass die Heiligkeit und Herrlichkeit des göttlichen Namens vermehrt werden möge.

Abschnitt 8. »Auf Erden wie im Himmel« — In diesem Zusammenhang sollte der Seelsorger aber beachten und seinen frommen Zuhörern darauf hinweisen, dass unser Heiland mit diesem Ausdruck nicht sagt, der Name Gottes solle auf Erden in derselben Weise geheiligt werden, wie er im Himmel geheiligt wird, das heißt, dass seine irdische Heiligung der himmlischen an Erhabenheit gleich sein solle — was absolut unmöglich ist —, sondern nur, dass eine solche Heiligung aus Liebe und aus den innersten Neigungen der Seele hervorgehe. Zwar hat der göttliche Name an sich keine Notwendigkeit, geheiligt zu werden, da er furchtbar und heilig ist, so wie Gott selbst Seinem Wesen nach heilig ist, noch kann Ihm irgendeine Heiligkeit zugeschrieben werden, die Er nicht von Ewigkeit her besessen hätte; doch da Ihm hier auf Erden eine Ehre erwiesen wird, die weit geringer ist als die, die Er verdient, und da Er bisweilen sogar durch Fluchen und Lästerung entehrt wird, wünschen und erbitten wir daher, dass Sein Name hier auf Erden mit Lob, Ehre und Herrlichkeit erhoben werde, nach dem Vorbild jenes Lobes, jener Ehre und Herrlichkeit, die Ihm im Himmel dargebracht werden.

Abschnitt 9. Dass die Gläubigen Ihn verherrlichen mögen — Mit anderen Worten beten wir, dass unser Geist, unsere Seelen und unsere Lippen so der Ehre und Anbetung Gottes ergeben seien, dass wir Ihn mit aller Ehrfurcht, sowohl innerlich als auch äußerlich, verherrlichen und nach dem Vorbild der himmlischen Bürger mit allen Kräften die Größe, die Herrlichkeit und die Heiligkeit des Namens Gottes feiern.

Abschnitt 10. Dass die Ungläubigen bekehrt werden mögen — So wie also die himmlischen Geister in vollkommener Eintracht Gott erheben und verherrlichen, so beten wir, dass dasselbe über die ganze Erde geschehe; dass alle Völker dahin kommen mögen, Gott zu erkennen, anzubeten und zu verehren; dass alle ohne eine einzige Ausnahme die christliche Religion annehmen, sich ganz dem Dienst Gottes widmen und überzeugt sein mögen, dass in Ihm die Quelle aller Heiligkeit ist und dass es nichts Reines, nichts Heiliges gibt, das nicht aus der Heiligkeit Seines göttlichen Namens hervorgeht. Nach dem Zeugnis des Apostels wird die Kirche gereinigt durch das Wasserbad im Wort des Lebens, und das Wort des Lebens bezeichnet den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, in dem wir getauft und geheiligt werden.

Abschnitt 11. Und da es keine Sühne, keine Reinheit, keine Lauterkeit gibt in dem, über den der göttliche Name nicht angerufen wurde, wünschen und beten wir, dass die ganze Menschheit die Finsternis ihres gottlosen Unglaubens verlasse und, erleuchtet von den Strahlen des göttlichen Lichts, die Macht dieses Namens erkenne und allein von ihm wahre Heiligkeit erwarte, und dass sie so, indem sie das Sakrament der Taufe im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit empfängt, die Fülle der Heiligkeit aus der rechten Hand Gottes selbst empfange.

Abschnitt 12. Dass die Sünder bekehrt werden mögen — Überdies erstrecken sich unsere Wünsche und unsere Bitten gleichermaßen auf jene, die, durch Sünde und Schlechtigkeit befleckt, die Reinheit ihrer Taufe und ihr Kleid der Unschuld verloren haben und so dem unreinen Geist erlaubt haben, erneut in ihren unglücklichen Seelen Wohnung zu nehmen. Wir wünschen und beten daher zu Gott, dass auch in diesen Sein Name geheiligt werde; dass sie in sich gehen und, zu rechter Gesinnung zurückkehrend, ihre frühere Heiligkeit durch das Sakrament der Buße wiedererlangen und erneut der reine und heilige Tempel und die Wohnstätte Gottes werden mögen.

Abschnitt 13. Dass Gott für Seine Wohltaten gedankt werde — Schließlich beten wir, dass Gott Sein Licht in den Gemütern aller aufscheinen lasse, damit sie erkennen können, dass jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk, das vom Vater der Lichter kommt, uns von Ihm verliehen wird, und dass folglich Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Leben, Gesundheit, mit einem Wort alle Güter der Seele, des Leibes und des Besitzes, alle natürlichen und übernatürlichen Güter als Gaben anerkannt werden müssen, die von Ihm gegeben wurden, von dem, wie die Kirche verkündet, alle Segnungen ausgehen. Wenn die Sonne durch ihr Licht, wenn die Sterne durch ihre Bewegung und ihren Umlauf dem Menschen von Nutzen sind; wenn die Luft, die uns umgibt, dazu dient, uns zu erhalten; wenn die Erde mit ihrer Fülle an Erzeugnissen und Früchten allen Menschen die Mittel zum Lebensunterhalt liefert; wenn unsere Herrscher durch ihre Wachsamkeit uns ermöglichen, Frieden und Ruhe zu genießen — so verdanken wir der unendlichen Güte Gottes diese und unzählige ähnliche Wohltat; ja selbst jene Ursachen, die die Philosophen Zweitursachen nennen, sollten wir als ebenso viele Hände Gottes betrachten, wunderbar geformt und für unseren Gebrauch eingerichtet, durch die Er Seine Segnungen verteilt und sie überall in Fülle ausgießt.

Abschnitt 14. Dass die Kirche von allen anerkannt werde — Was wir aber in dieser Bitte ganz besonders erbitten, ist, dass alle die Braut Jesu Christi, unsere heiligste Mutter, die Kirche, anerkennen und verehren, in der allein sich der reiche und unerschöpfliche Quell befindet, der alle Makel der Sünde reinigt und tilgt, und aus dem alle Sakramente des Heils und der Heiligung geschöpft werden, jene Sakramente, durch die wie durch ebenso viele heilige Kanäle der Tau der Heiligkeit von der Hand Gottes über uns ausgegossen wird. Jener Kirche allein und denen, die sie in ihrem Schoße umfasst und in ihren Armen hält, gebührt die Anrufung jenes göttlichen Namens, außerhalb dessen kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben ist, durch den wir gerettet werden müssen.

Abschnitt 15. Welche Heiligung des Namens Gottes wir praktizieren sollen — Der Seelsorger sollte sorgfältig besonders darauf bestehen, dass es die Pflicht eines guten Sohnes ist, nicht nur mit Worten zu Gott seinem Vater zu beten, sondern sich auch durch sein Verhalten und seine Taten um die Heiligung des göttlichen Namens zu bemühen. Und wollte Gott, es gäbe niemanden, der, obwohl er beständig um die Heiligung des Namens Gottes betet, ihn dennoch, soweit es an ihm liegt, durch seine Taten verletzt und entweiht, und durch dessen Schuld Gott selbst bisweilen gelästert wird. Über solche sagte der Apostel: Der Name Gottes wird um euretwillen unter den Heiden gelästert; und bei Ezechiel lesen wir: Sie kamen unter die Völker, wohin sie gingen, und entweihten meinen heiligen Namen, als man von ihnen sagte: »Dies ist das Volk des Herrn, und sie sind aus seinem Land gezogen«; denn nach der Art des Lebens und Wandels derer, die eine bestimmte Religion bekennen, wird in den Augen der ungebildeten Menge die Meinung über diese Religion und ihren Urheber sein.

Abschnitt 16. Diejenigen also, die nach den Geboten der christlichen Religion leben, die sie angenommen haben, und die ihre Gebete und Handlungen nach deren Vorschriften ausrichten, liefern anderen ein mächtiges Motiv, den Namen unseres himmlischen Vaters zu preisen, zu ehren und zu verherrlichen. Was uns betrifft, so ist es eine Pflicht, die der Herr uns auferlegt hat, andere durch leuchtende Taten der Tugend dazu zu führen, den Namen Gottes zu preisen und zu verherrlichen. So spricht Er zu uns im Evangelium: So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist; und der Fürst der Apostel sagt: Führt einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie durch die guten Werke, die sie an euch sehen, Gott verherrlichen.