Kapitel 18 — Artikel XVIII: Vom freien Willen
Abschnitt 1. Vom freien Willen wird also gelehret, dass der Mensch etlichermassen einen freien Willen hat, äusserlich ehrbar zu leben und zu wählen unter denen Dingen, die die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes vermag der Mensch nicht Gott gefällig zu werden, Gott herzlich zu fürchten oder zu glauben oder die angeborne böse Lust aus dem Herzen zu werfen, sondern solches geschiehet durch den Heiligen Geist, welcher durch Gottes Wort gegeben wird. Denn Paulus spricht 1. Korinther 2: Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Und damit man erkennen möge, dass hierin keine Neuigkeit gelehret werde, so sind das die klaren Worte Augustins vom freien Willen, wie hiernach geschrieben: Wir bekennen, dass in allen Menschen ein freier Wille ist; denn sie haben ja alle natürlichen, angeborenen Verstand und Vernunft, nicht dass sie etwas vermögen gegen Gott anzufangen, als Gott von Herzen zu lieben, zu fürchten; sondern allein in äusserlichen Werken dieses Lebens haben sie Freiheit, Gutes oder Böses zu wählen. Ich meine Gutes, das die Natur vermag, als auf dem Acker zu arbeiten oder nicht, zu essen, zu trinken, zu einem Freund zu gehen oder nicht, ein Kleid an- oder auszuziehen, zu bauen, ein Weib zu nehmen, ein Handwerk zu treiben und dergleichen Nützliches und Gutes zu tun; welches alles doch ohne Gott nicht ist noch bestehet, sondern alles aus ihm und durch ihn ist. Dagegen kann der Mensch auch Böses aus eigener Wahl vornehmen, als vor einem Götzen niederzuknien, einen Totschlag zu tun usw.